Bibel und Weisheit II
Die Tendenz, nun auch das Volksbewusstsein zu erweitern zu dem, was die ganze Menschheit zusammenhält, die Kraft, die auch über das Volk hinaus die Menschen einander näherbringt, die ist erst mit dem Erscheinen des Christus Jesus auf die Erde gekommen. Der Mensch kann auch heute noch nicht klar erkennen, was in allen Menschen als gemeinsames Band lebt, aber eine Zukunft wird kommen, die fern noch vor uns liegt, in der so lebhaft das Bewusstsein in einer großen Zahl von Menschen vorhanden sein wird, das Bewusstsein der Bruderschaft ohne die Blutsbrüderschaft. Und dieses Bewusstsein vorzubereiten, als reale Macht zu wirken zur Vorbereitung dieser Brüderschaft, das ist die Mission des Christentums. Bezeichnet man daher denjenigen Gott, der in den alten Zeiten empfunden wurde als der wehende, zugleich als den, der das Ich gegeben hat, — so müssen wir denjenigen Gott, der da lebt in jenem Bewusstsein, das zwar nicht so dämmerhaft hellsehend ist, das sich aber dahin entwickeln wird, dasjenige, was in der ganzen Menschheit Gemeinsames ist, zu fühlen und klar zu erkennen, dieses Menschheitsbewusstsein müssen wir bezeichnen und bezeichnen es, wenn wir im christlichen Sinne sprechen, als das Christusbewusstsein. Das Christusbewusstsein bezeichnet gleichsam ein Ich, das in gemeinsamem Bewusstsein die ganze Menschheit umschlingt. Da gibt es einen Satz: «Wer da nicht verlässt Weib und Kind und Mutter und Bruder, der kann nicht mein Jünger sein.» (Lk 14,26; Mt 19,29) Das darf nicht im trivialen, im asketischen Sinn aufgefasst werden. Das muss so aufgefasst werden, dass das Christentum vorarbeitet einer allumfassenden Menschenverbrüderung, die nicht auf Blutsbande gegründet ist, sondern darauf, dass der Mensch Bruder sagt zu jedem Menschen, nicht im alltäglichen Sinn, sondern ein Bewusstsein uns erringen, das nicht eingeschlossen und eingegrenzt ist innerhalb der Blutsbande, das hinausreicht allmählich in unserem späteren Leben auf mehr und mehr Menschen, und die ganze Menschheit schließlich zu umfassen vermag. Bezeichnet man daher den Jehova als den Volksgott, so kam man bezeichnen den Christus Jesus als den Menschheitsgott, den Gott der ganzen Menschheit, den «Menschensohn». Er, der Meister, hatte vorzubereiten das Band der Liebe der ganzen Menschheit.
Cite:
GA 68a/1907-05-24/p032 · edition original