Bibel und Weisheit II

GA 68a/1907-05-24/p048 ·1907-05-24 · original (original)
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Die Geisteswissenschaft weiß, dass das Evangelium Geschichte ist, außerordentliche Geschichte, und zugleich Sinnbild. Das ist eben das Wesentliche, dass hier das Sinnbild äußere Wirklichkeit geworden ist, dass dasjenige, was sinnbildlich in den höheren Welten sich bisher nur abgespielt hatte, dass das äußere historische Wahrheit geworden ist im Geheimnis von Golgatha. Das wollen die wenigsten begreifen, dass das historische Christentum so geschichtlich ist, und dass es symbolisch noch dazu ist. Versteht man das einmal, dann kann man tief in den Geist und Sinn des Neuen Testamentes eindringen, und dann sieht man, dass der Geist und Sinn dieser Urkunden ein so unendlich tiefer ist, dass man nur allmählich, stufenweise in seine tiefsten Tiefen wird eindringen können. Sehen wir uns zum Beispiel einige Stellen noch daraufhin an. Wir erkennen die dreieinhalb Tage wieder in den dreieinhalb Tagen, wie sie, wie berichtet wird (Joh 11), Lazarus schon tot gelegen hatte, als der Herr ihn wieder auferweckte, und wir erkennen an anderer Stelle wiederum jene Worte — denn so sollten sie eigentlich heißen —, die der Christus Jesus spricht am Kreuz in dem Momente, wo er am letzten Akt seines Lebens im physischen Leibe ankommt: «Mein Gott, mein Gott, wie hast du mich verherrlicht», denn so sollten diese Worte heißen — und nicht «wie hast Du mich verlassen» (Mt 27,46, vgl. Psalm 22,1; Mk 15,34), was nur eine unrichtige Wiedergabe ist.

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