Das Johannesevangelium und die Zukunft des Christentums

GA 68a/1907-12-14/p009 ·1907-12-14 · original (original)
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Zu den Teilen der Bibel, die am meisten gelitten haben durch die moderne Denkungsweise, gehört das Johannesevangelium, das für die vorhergehenden Jahrhunderte die lebendigste Quelle des Christentums war. Das wird von der modernen Bibelkritik weit weniger geschätzt als die drei ersten, sogenannten synoptischen Evangelien des Matthäus, Markus und Lukas. Die Bibelkritiker versuchen nach ihrer besten Absicht, die Bücher der Schrift auf ihren historischen Wert hin zu prüfen. Sie sagen, wenn man die drei ersten Evangelien erforscht, die, wenn man von Einzelheiten absieht, übereinstimmen, so findet man ein Bild des Christus Jesus, wie es sich als glaubhaft herausstellt. Nimmt man dazu das Johannesevangelium, so ergeben sich gegenüber den drei ersten Evangelien so viele Widersprüche, dass man dies unmöglich mit den drei ersten Evangelien in Übereinstimmung bringen kann. Die drei ersten Evangelien berichten historische Tatsachen, die ein anschauliches Bild geben von dem, der da umhergewandelt ist in Palästina. Der vierte Evangelist, sagen sie, kann nicht als Darsteller historischer Wahrheiten angesehen werden. Er ist vielmehr ein Enthusiast für die Persönlichkeit des Christus Jesus. Ihm kam es darauf an, einen bedeutsamen Hymnus zu dichten auf den Christus Jesus, auszusprechen in lyrischer Form, was er über diese verehrte Persönlichkeit als Wahrheit empfand und dies mit historischen Tatsachen nur zu umkleiden.

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Cite: GA 68a/1907-12-14/p009 · edition original