Das Johannesevangelium und die Zukunft des Christentums

GA 68a/1907-12-14/p016 ·1907-12-14 · original (original)
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So werden wir von beiden Urkunden an den Anfang verwiesen. In beiden Fällen wird der Blick der Menschheit gerichtet auf dasselbe. Es zeigt sich da eine Kongruenz, die aber doch eine merkwürdige Verschiedenheit aufweist. Im Johannesevangelium liegt dadurch ein eigentlich Neues. Im Alten Testament werden wir an den Ausgangspunkt der Menschheit versetzt. In großen, gewaltigen Bildern wird da das Werden der Welt gezeigt bis zum Menschen, der uns entgegentritt als der Genosse anderer Wesen in der Welt der Mineralien, Pflanzen und Tiere, hingestellt als ein äußeres sichtbares Wesen. Seine Entwicklung wird hinaufgeführt bis zur Entwicklung eines Volkes, des jüdischen Volkes. Nicht eine besondere Menschwerdung, sondern die Menschheit, wie sie entsteht in der Welt, und dann hinauf bis zu einem Volke, wird geschildert. Ein Volk wird als ein Ganzes geschildert. Nur wer die Führung dieser Linie in der richtigen Weise zu würdigen versteht, der versteht das Alte Testament richtig. In der Seele jedes einzelnen Juden lebte der Sinn des Alten Testamentes. Als das Glied des ganzen Volkes fühlt sich da der einzelne Mensch. Wenn der Jude sein Tiefstes aussprechen wollte, dann sprach er seine Zusammengehörigkeit mit Abraham aus. Wenn er sprechen wollte von seinem übersinnlichen, über den Tod hinausgehenden Wesen, dann sprach er davon, dass sein Übersinnliches in Abrahams Schoß gehe. Er fühlte nicht das gesonderte Ich, sondern er fühlte das große Volks-Ich und dass das gemeinsame Blut ihn mit dem Volke verband, das hinaufführt zu dem Vater Abraham. Wenn er zu dem Höchsten aufblickte, dann blickte er auf zu einem Wesen, das durch das Blut des ganzen Volkes sich offenbarte. Heilig war ihm nicht nur die Erinnerung an den Stammvater Abraham, sondern heilig war ihm das Sich-eins-Fühlen mit ihm. Weiter hinauf wurde angeknüpft an den Weltenanfang, wie in einem zusammengehörigen Menschen-Ganzen ein Blut floss und wie die Weltengesetzmäßigkeit, der Gott selbst, eine solche Menschengruppe durchflutet und durchgeistigt.

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Cite: GA 68a/1907-12-14/p016 · edition original