Das Johannesevangelium und die Zukunft des Christentums
Stellen wir dem gegenüber das Johannesevangelium. Auch das nimmt seinen Ausgangspunkt beim Beginn unserer ganzen Entwicklung. Es setzt aber nicht da ein, wo das Alte Testament einsetzt, sondern es setzt in einer gewissen Weise vorher ein. An den Urbeginn setzt das Alte Testament die Entstehung der sinnlichen Welt, dessen, was gesehen werden kann, was für die äußeren Sinne da ist. «Und Gott sprach: Es werde Licht!» (1 Mos 1,3) Der Schreiber des Johannesevangeliums versetzt uns weiter zurück, in eine Zeit, die noch früher war, zu einem Punkte, wo noch nichts Sinnliches war, wo nur das Geistige da war: «Im Urbeginne war das Wort und das Wort war bei Gott» (Joh 1,1), das ist nichts anderes als das Geistige, wovon alles Sinnliche die Offenbarung ist. Er sagt: Wahr ist es, die sichtbare Welt begann so, wie sie geschildert ist im Alten Testament. Aber ihr ging voran eine geistige Welt. Alle Gesetze, die sich auslebten in jenem Urbeginn, drücken sich aus in keinem Einzelnen, sondern im gemeinsamen Blut, das ihn mit dem ganzen Volke verbindet. Geht man bis zum Geiste, der diesem sinnlichen Weltenanfang vorausgeht, so kommt man auch zu dem im Menschen, was erhaben ist über alles Sinnliche, über allen Volkszusammenhang und bis zu dem, was sich in jedem Menschen findet, in jeder menschlichen Individualität. Wenn wir uns versetzen in die Empfindung des Juden für das Gottesprinzip, so finden wir: Er fühlte sich einig mit dem Vater Abraham, wenn er die ganze Blutslinie zurückverfolgte.
Cite:
GA 68a/1907-12-14/p017 · edition original