Das Johannesevangelium und die Zukunft des Christentums
Wenn wir weit zurückgehen in der Zeiten Wende, dann kommen wir in Zeiten, in denen die Blutsgemeinschaft eine immer größere Rolle spielt. Sie war damals die Grundlage dessen, was wir Liebe nennen. Die Liebe bestand nur bei denen, in deren Adern gemeinschaftliches, verwandtes Blut floss. Damals herrschte die Nah-Ehe. Später trat die Fern-Ehe anstelle der Nah-Ehe. Damals bewirkte nur das gemeinsame Blut die Liebe. Indem sich die Menschheit durch spätere Zeitläufe hindurch entwickelte, wurden die Völker immer mehr untereinandergemischt. Das jüdische Volk empfand noch mehr die Zusammengehörigkeit des gemeinsamen Blutes. Aber damals, als das Christentum entstand, da begann die Zeit, wo die Völker durcheinandergemischt wurden. Da begann auch die Zeit einer neuen Liebe, die nicht auf das Blut gebaut ist. Der Christus Jesus sprach: «Wer Vater oder Mutter mehr liebt denn mich, der ist mein nicht wert.» (Mt 10,37). «So jemand zu mir kommt und hasst nicht (verlässt nicht) seinen Vater, Mutter, Weib, Kinder, Brüder, Schwestern — der kann nicht mein Jünger sein.» (Lk 14,26). Dieser Spruch muss so gedeutet werden, dass am Anfang der Erdenentwicklung die sich liebten, die verwandt waren; aber am Ende der Erdentwicklung werden die Menschen sich lieben und erkennen in seelischer Liebe. Jene Bruderliebe, die von Seele zu Seele geht, die aus dem Geiste stammt, das ist die Liebe, die ihren Ausgangspunkt nimmt von der Kraft des Christus Jesus, die immer mehr Boden in der Menschheit gewinnen wird. Wo gleiches Blut floss, da fühlte man sich als ein Glied von einem Gruppen-Ich. Am Ende der Menschheitsentwicklung wird man sich fühlen als Angehöriger der ganzen Menschheit. Das «Ich bin» wird man dann nicht im Blute des Stammes oder Volkes, sondern im Geiste und in der Wahrheit suchen. Das Alte Testament betet den Gott in der Naturgrundlage an, in dem Neuen Bunde wird der Gott angebetet werden in dem, was vor der Natur veranlagt ist, im Geiste und in der Wahrheit. Auch für die, die intim mit dem Herrn verbunden waren, war es nicht ohne Weiteres verständlich, wie an jene Stelle der Blutsliebe jene andere Liebe treten sollte. Der Lieblingsjünger des Herrn, der verstand das allein. Die andern Evangelisten erzählen noch die ganze Stammeslinie bis zum Vater Abraham. Aber der, der als die Wesenheit in die Welt kam, die in dem Christus Jesus verkörpert war, der konnte sagen: «Bevor Abraham war, war das »». (Joh 8,58) Das hatte der Lieblingsjünger verstanden. Er geht bei seiner Darstellung bis zu dem Außerzeitlichen hinauf. Nicht ein äußerer Widerspruch liegt zwischen dem Johannesevangelium und den anderen Evangelien. Es ist nur der Unterschied zwischen einem untergeordneten und einem höheren Standpunkt. Mit verschiedenen Perspektiven haben wir es hier zu tun. Wenn wir dies wissen, dann verstehen wir auch die alten Bibelausleger. Sie wussten, dass man das Wahre schildern kann von verschiedenen Gesichtspunkten aus.
Cite:
GA 68a/1907-12-14/p037 · edition original