Das Johannesevangelium und die Zukunft des Christentums
Die Welt hat sich in der modernen Zeit in zwei Hälften geteilt, die Welt der Natur und die Welt des moralischen Lebens. Als erwas Besonderes sieht man das Naturgesetz an, und als etwas Besonderes das Sittengebot. Gerade dieser Zwiespalt wird auf die Dauer nicht bestehen können. Ein Tieferes musste der Mensch suchen, etwas, was beide umfasst. Er darf nicht einen Zwiespalt empfinden zwischen innen und außen. Diesen Zwiespalt empfindet er nicht mehr, wenn er den innersten Kern des Johannesevangeliums versteht. Wir finden den Ursprung der Welt in uns selber durch die Entwicklung unseres innersten Ich. Wir kommen da zu etwas, was die Naturgesetze und unser innerstes Wesen umschließt. Was das «Ich bin» uns aufschließt, war da als das ursprüngliche Geistige vor der äußeren Welt. Der Logos, das Wort war vor der äußeren Welt da. — So gibt es eine Versöhnung zwischen dem Äußeren und der innersten Menschennatur. Gerade das Kapitel des Johannesevangeliums, wo von dem «Ich bin» die Rede ist, das wird sein ein unüberwindlicher Besieger der Menschennatur. Nur hat der Mensch den Faden verloren, um das rein Geistige hierin zu erkennen.
Cite:
GA 68a/1907-12-14/p040 · edition original