Die Gefahren der Einweihung
Wir sehen noch mehr. Wer die Zeichen der Zeit zu deuten versteht, der sieht ein trübes Bild der Zukunft. Die Menschheit lebt heute vielfach im Dunkel und im Chaos; sie beurteilt das Leben ohne die Kenntnis der treibenden Kräfte des Lebens, die sich einzig und allein ergeben haben als Folge der menschlichen Gesinnungen. Wer da glaubt, Gesinnungen haben keine Wirkungen auf das Leben, der weiß nicht, was Gedanken für reale Tatsachen sind. Sie haben eine Wirkung auf das Leben bis hinein auf die Volksgesundung. Wer da weiß, dass der Materialismus so lange Zeit hindurch im tiefsten Innern der Menschheit auf seiner Höhe stand da, wo große Zeitfragen ausgearbeitet wurden, der weiß, dass der etwas gezeitigt hat, das vielfach falsch beurteilt wird. Man bewundert so manchen Schriftsteller, der in blendender Weise manche Auseinandersetzung über die mannigfaltigsten Gebiete des Lebens gibt; und man weiß nicht, dass er Phrasen redet oder schreibt. Der Sachkundige könnte bei manchem zeigen, was hinter dieser Geistreichheit steckt. Zuweilen steckt wirklich etwas dahinter, was man Schwachsinn nennen könnte. Man kann heute schwachsinnig und doch ein geistreicher Schriftsteller sein. Schon vor Jahrzehnten sagte ein Mensch, es sei heute gar nichts Besonderes, wenn einer schöne lange Gedichte mache, denn heute sei unsere Sprache so weit, dass sie für den Menschen dächte. Die allgemeine Bildung ist heute so, dass jemand, der sich vielleicht seit dem sechzehnten Jahre damit befasst hat und alle die Urteile, die herumschwirren, in sich aufnimmt, geistreich schreiben und dennoch schwachsinnig sein kann. Das ist eine scheinbar paradoxe Behauptung, doch sachlich ist sie wahr. Das soll nur angesehen werden als ein Symptom, wie oberflächlich heute das Leben gelebt wird; wie wenig in die Tiefe gehende Urteilskräfte es gibt; wie wenig sie imstande sind, die Kräfte, die hinter dem Leben stehen, zu erfassen. Das sind die führenden Geister! Und wie mag es da stehen mit denen, die die Geführten sind? Wenn wir die Geistesverfassung derjenigen beurteilen, die vielfach diesen Zusammenstoß erleben mit dem, was die Theosophie gibt, so müssen wir sagen: Wären sie innerhalb ihres bisherigen Lebens geblieben, dann wären sie vielleicht leidlich gescheite Menschen verblieben; nun kommen sie aber zur Theosophie, und das ist so, als wenn ein mächtiges Licht hineinleuchtet in einen Raum, in dem viel Unreinigkeit ist.
Cite:
GA 68a/1907-12-19/p009 · edition original