Die Gefahren der Einweihung
Wenn wir in die ältesten Zeiten zurückgehen, da sehen wir, wie von den führenden Persönlichkeiten, die das Leben geleitet haben, einem gewissen Alter eine große Bedeutung für die Urteilskraft des Menschen beigelegt wurde; heute können die Allerjüngsten ihre maßgebenden Urteile abgeben. Das vor allen Dingen wissen heute die Menschen nicht, dass man zwar in Bezug auf Intellekt, Wissenschaft und Kunst in früher Jugend manches leisten kann; aber die Erfahrungen der geistigen Welten in einer wirklich richtigen Weise seinen Mitmenschen zu überliefern, ist bloß der imstande, der in die Mitte seines Lebens gekommen ist. Daher wird von keiner Geheimschule einer hinausgesandt, der nicht das 35. Lebensjahr überschritten hat. Solange der Mensch noch gewisse Kräfte braucht, um seinen Organismus aufzubauen, so lange hat er sie nicht frei, um sie in den Dienst zu stellen. Autoritativ die okkulten Lehren jemand mitzuteilen, ist nicht erlaubt, bevor die Kräfte nicht mehr zum Aufbau gebraucht werden; erst wenn das Physische im Abstieg des Lebens ist, dann ist es erlaubt. Wer das Leben prüft, wird die Berechtigung dieser Regel einsehen. Selbst bei einem solchen Geist wie Goethe es war: Was er vor diesem Zeitpunkt geleistet hat, war ein Wiederauflebenlassen dessen, was er zusammengetragen hatte von da und dort; was wirklich nicht da wäre, wenn nicht Goethe dagewesen wäre, das ist erst nach der Mitte seines Lebens entstanden. Es bedeutet die größte Gefahr, wenn wir sehen, wie große Wahrheiten hingesprochen werden wie bloße Phrasen. Da kann man zum Beispiel immer und immer wieder hören: Du musst selbstlos sein, du musst deine Persönlichkeit opfern dem All! — Das ist eine tiefe Wahrheit, wenn es wirklich verstanden wird; es kann aber die absurdeste Phrase sein, wenn diese Wahrheit ohne Verständnis hingestellt wird. Der Egoismus ist von einer weisen Weltenlenkung nicht umsonst dem Menschen gegeben; er ist ein Erziehungsmittel, er macht den Menschen reicher und voller; durch ihn wird mancher Mensch abgehalten, etwas zu tun, was ihm schaden kann. Er ist eine gesunde Kraft, er füllt die Persönlichkeit an mit Kraft und Energie, er ist etwas Gesundes! Wenn man sagt, man solle ihn abstreifen, so ist es eine krankhafte Phrase. Trotzdem ist es aber wahr, dass ein Hinopfern der Persönlichkeit nötig ist, wenn wir den Weg finden wollen in die höheren Welten hinauf.
Cite:
GA 68a/1907-12-19/p022 · edition original