42. Blut ist ein ganz besondrer Saft
Faust soll einen Vertrag eingehen mit dem Sendboten der Hölle; dieses Motiv, wie der Stoff der Faust-Dichtung überhaupt, hat Goethe der deutschen Sagendichtung entnommen. Dass Faust, der Repräsentant der zum Höchsten strebenden Menschheit, seine Seele mit Blut verschreiben soll, ist schon in den ältesten Faustbüchern - schon um das sechzehnte Jahrhundert — bekannt. Er muss seine Hand aufritzen, die Feder in das Blut tauchen, seinen Namen schreiben, und da sollen in dem geronnenen Blute die Worte erschienen sein: «Mensch, entrinne» — und trotzdem sollte das Blut etwas sein, was Mephisto nicht hätte leiden können? Es muss ihm doch vielmehr etwas ganz Wertvolles sein; das ist Goethes Meinung dieser Stelle seiner großen Dichtung. Vom Standpunkt der Geistesforschung können wir der Bedeutung des Blutes für das Leben näherkommen, indem wir uns mit der Frage beschäftigen: Was ist eigentlich dieses Blut? — Diese Frage soll nicht naturwissenschaftlich behandelt werden; vom Standpunkt der Geisteswissenschaft können wir tiefer hineinschauen in das Wesen des Menschen. Wir sehen für die ganze geschichtliche Entwicklung des Menschen die Unterströmung dieses Spruches, sodass wir die Frage wenigstens in einer gewissen Richtung beantworten können. Dabei wollen wir ausgehen von einem Spruch, der von einem alten Lehrer der ägyptischen Geheimschulen, dem Hermes Trismegistos, stammt:
Cite:
GA 68b/1906-11-30/p004 · edition original