7. Wie begreift man Krankheit und Tod?
Es ist begreiflich, dass ein Mensch mit heutigen Begriffen und Vorstellungen, der sich so wenig bekannt gemacht hat mit der Geisteswissenschaft, sich nicht befreunden kann mit einem solchen Wort. Er hat gelernt, in dem Tod und in der Krankheit natürliche Vorgänge zu sehen, und es liegt ihm ganz und gar fern, etwas [rein] Natürliches, was sich abspielt innerhalb der Welt rein natürliche[r] Prozesse, [so etwas] anzusehen als eine Wirkung von etwas Moralischem, von etwas, was der Willkür und dem freien Willen des Menschen anhängt, der Sünde. Dass Moralisches die Ursache sein kann von etwas Organischem, liegt dem Denken unserer Zeit fern. Wenn also das Wort des Apostels dem Wortlaute nach richtig verstanden würde, würde es ganz vergeblich sein, über dasselbe zu unseren Zeitgenossen zu sprechen. Aber es wird eben nicht einmal dem Wortlaut nach richtig verstanden. Es ist doch die Bibel ein merkwürdiges Geheimbuch, und diejenigen, welche glauben, es am besten zu verstehen, dringen in der Regel am wenigsten in seinen Geist ein.
Cite:
GA 68b/1907-01-21/p011 · edition original