7. Wie begreift man Krankheit und Tod?
Heute aber, seit einer Reihe von Jahren ist man kein so großer Tor [vor der Wissenschaft], wenn man dieses Wort ausspricht. Denn diejenigen, die heute den etwas vorgerückten Stand der Wissenschaft von den Lebenserscheinungen betrachten, können nicht umhin, sich zu sagen: In den Wesen ist mehr als ein bloßer chemisch-physikalischer Prozess. Und viele sind auf dem Standpunkt, dass sie von einer Lebenskraft sprechen. Sie wissen, das ist eine Spekulation. Die Geisteswissenschaft steht nicht auf diesem Standpunkt der Spekulation. Sie stellt sich auf den Standpunkt, dass es eine höhere Erfahrung gibt, dass der Mensch mehr zu sehen vermag, wenn gewisse Kräfte, die in seiner Seele schlummern, erweckt sind. Vergleich mit dem Blindgeborenen und Sehendgewordenen: Niemals kann der entscheiden, ob etwas ist, der es nicht sieht, sondern der, der es sieht. Es gibt keine Möglichkeit, von Grenzen der Erkenntnis zu sprechen. Denn der Mensch macht die Entdeckung, dass er so viele Welten um sich hat, als er Organe hat, [um] sie wahrzunehmen. Dadurch unterscheidet sich die Geisteswissenschaft von dem, was man heute Wissenschaft nennt, dass sie ausgeht, die Dinge zu besprechen, die durch die Erweckung von Organen als Neues in unser Dasein hereindringen.
Cite:
GA 68b/1907-01-21/p021 · edition original