32. Die Abstammung des Menschen
Nun ist es aber von dem Standpunkte aus, von dem heute zu Ihnen gesprochen werden soll über die Abstammung des Menschen, schwer, sich auch nur unseren Zeitgenossen, wenn sie nicht schon durch Geisteswissenschaft irgendwie darauf vorbereitet sind, auch nur verständlich zu machen, denn gegenüber dem, was heute von vielen Seiten vorgebracht wird über Abstammung oder Ursprung des Menschen, wird das, was wir in dieser unserer Betrachtung jetzt zu sagen haben, sich ausnehmen, wie wenn es in einer ganz, ganz anderen Sprache gesprochen wäre; und bei dem großen Interesse, welches heute dieser Frage entgegengebracht wird, und bei der öffentlichen Suggestion — so dürfen wir es vielleicht nennen —, welche nicht die wahre Wissenschaft ist, wohl aber manche Schlagworte, die aus dieser Wissenschaft gefunden worden sind und die heute das Denken vielfach beherrschen, bei alldem wird vieles von dem heute Vorgebrachten vielleicht manchem noch mehr als das schon in den drei letzten Vorträgen [dieser Serie] hier Gesagte noch viel mehr wie eine bloße Träumerei, wie eine Phantastik erscheinen. Wir müssen uns, wenn zwei so grundverschiedene Dinge einander gegenüberstehen wie das, was eine mehr materialistisch — das Wort braucht nicht gepresst zu werden — gefärbte Weltanschauung zu sagen hat über die Abstammung des Menschen und dasjenige was die Geisteswissenschaft, wie wir sie hier betrachten, vorzubringen hat, wenn zwei so verschiedene Dinge einander gegenübertreten, dann, dann muss man vor allen Dingen sich zuerst eines so recht einmal vor die Seele führen. Wer sich heute eingelebt hat in die Begriffe, in die Vorstellungen, die unsere Populärliteratur beherrschen, wenn von Abstammung des Menschen die Rede ist und behauptet wird, es wird über diese Abstammung des Menschen ja [so] gesprochen, wie es nach [sicheren] Tatsachen der Wissenschaft sein muss; [wenn einem das entgegentritt], wenn man sich da hineingelesen hat in die populäre [oder meinetwegen auch in die mehr oder weniger wissenschaftliche] Literatur, so muss man sich doch vor Augen halten, dass die Begriffe, die Vorstellungen, die sich jemand annimmt, nicht immer durchaus beruhen auf wirklicher Betrachtung, [auf] wirklicher Beobachtung, sondern auf [der] Autorität, welche auf eine, man möchte sagen, geheimnisvolle, mystische Art - und zwar dieses Wort im schlimmsten Sinn gebraucht - [übernommen ist von dem, was einmal populär ist], von dem, was einmal Ansehen hat.
Cite:
GA 68b/1907-10-31/p004 · edition original