49. Die praktische Ausbildung des Denkens
Wer also hinaufdringen will in diese geistigen Welten, wer sozusagen sich erwerben will das hellseherische Bewusstsein, für den ist nicht Schwärmerei, nicht ein überhitzter Enthusiasmus die richtige Grundlage, sondern für den ist die richtige Grundlage das feste Stehen auf dem Boden des Lebens mit seinen beiden Füßen. Man möchte fast sagen, obwohl das grotesk klingt, mit je weniger überhitzter Einbildungskraft und Träumereien und Phantastereien der Mensch herantritt an die geistige Forschung, desto besser ist es. Nicht der Enthusiast, nicht der mit besonders reger Phantasie Begabte, nicht sie sind diejenigen, die eigentlich dem Geistesforscher die liebsten Schüler werden können, sondern diejenigen, die fest auf dem Boden des Lebens stehen. Am liebsten sind ihm die nüchternen Leute, denn die Begeisterung, der Enthusiasmus, die kommen schon aus der Sache selber, wenn die großen Tatsachen des Lebens auf uns einwirken. Dann werden wir schon bis zur poetischen, enthusiastischen Gesinnung erhoben durch die Tatsachen, und das ist das, was gesund ist — nicht durch ein überhitztes Inneres sich zur Begeisterung bringen lassen.
Cite:
GA 68b/1909-02-13/p008 · edition original