49. Die praktische Ausbildung des Denkens
Man kann bei Goethe auch das noch anführen: Es ist bekannt, dass er seinen Herzog begleitete nach Apolda hinaus und dass er bei der Rekrutenaushebung alles praktisch ausgeführt hat, was da zu tun ist. Und als sie fertig waren, arbeitete er an seiner «Iphigenie», und während dieser Sache arbeitete er schon daran. Nun müssen wir doch sagen, wie viele unserer Dichter würden sich nicht gestört fühlen, wenn sie neben der Niederschrift ihrer glänzenden Ideen noch Rekruten ausheben müssten! Aber ich glaube nicht, dass die «Iphigenie» deswegen schlechter geworden ist als manches zeitgenössische Dichtungs-Produkt, weil bei der Rekrutenaushebung daran gearbeitet wurde. Aber Goethe hat das eben gemacht, weil er gegenständlich mit seinen Gedanken war, sodass seine Gedanken in den Dingen arbeiteten, nicht abgezogen von den Dingen, nicht spekulativ.
Cite:
GA 68b/1909-02-13/p036 · edition original