49. Die praktische Ausbildung des Denkens
Wenn die Menschen eine Ahnung davon hätten, was praktisches Denken ist, so würden sie schon an dem Unpraktischen des Denkens sehen, dass gewisse Dinge eben falsch sein müssen. Die Tatsachen, die von der Naturwissenschaft erforscht werden, können bewunderungswürdig sein, aber die Schlüsse, die daraus gezogen werden, sind häufig schauderhaft durch das unpraktische Denken dessen, der sie zieht. Wodurch soll heute für viele nachgewiesen werden, dass es eigentlich keine Seele gibt, dass alles, was der Mensch vollbringt, auf rein mechanischen Gesetzen beruht? Ja, da finden Sie noch in einem «Abriss der Psychologie» — von einem Menschen geschrieben, der großes Ansehen hat — auf den ersten Seiten eine ganz merkwürdige Schlussfolgerung. Wer nur einen Funken hat von Begriff und praktischem Denken, der wird diese sogleich auf ihren wahren Wert zurückführen können. Da steht: Frühere Zeiten haben gesagt, es gäbe eine selbstständige Seele; heute aber ist der Mensch auch eingespannt worden in dies Gespinst von der Erhaltung der Kraft. Da wurde zuerst untersucht, sagt man, an Tieren, dass alles, was man an Nahrung ihnen zuführt, nur umgewandelt wird, und dass das, was sie verrichten, umgewandelte Nahrung ist. Was die Tiere an Kraft erhalten, ist nur umgewandelte Nahrung. Wie sollte da eine selbstständige Seele sein, wenn das bloß umgewandelt herauskommt, was man hineingestopft hat?
Cite:
GA 68b/1909-02-13/p045 · edition original