52. Die Mission des Zornes. Der gefesselte Prometheus
Und wenn wir weiter hinaufsteigen in der Zusammensetzung der menschlichen Natur, so kommen wir zu dem, was er nicht mehr gemeinschaftlich hat mit den anderen Reichen der Natur um sich herum, was wir das menschliche Selbstbewusstsein oder dessen Ausdruck, das Ich, nennen. Dieses Ich ist dasjenige, wovon sozusagen jede sinnige Menschennatur, wenn sie es zum ersten Mal wahrnimmt, überrascht wird. Immer wieder möchte ich anführen den schönen Ausspruch von Jean Paul, als er noch Knabe war und in dem Hofe seines Elternhauses stand und das erste Mal das Ich empfand — [Lücke]. Von jetzt an war ihm die Frage von Gott und der Unsterblichkeit verständlich. Es läge so nahe, zum Ich des Menschen zu kommen, zu einer Anschauung davon, wenn man sich sagen würde: In dem Ich ist etwas ausgesprochen, das sich schon durch das Sprechen von allen anderen Begriffen oder Namen unterscheidet. Den Tisch kann jeder «Tisch», den Stuhl kann jeder «Stuhl» nennen. Sprechen Sie aber das Wort «Ich» aus, so bezeichnet es etwas, das nur Bezug hat auf sich selbst, das aber keinen Sinn hat, keine Anwendung für Ihr höheres Selbstbewusstsein findet, wenn es ein anderer ausspricht. Niemals kann Ihr «Ich» an Ihr Ohr klingen, wenn es nicht Ihre eigene Seele bedeuten soll. Das ist wirklich der Ausdruck für das «verhangene Heiligtum» der menschlichen Seele. Das ist der Ausdruck, der wie in einem kurzen Monolog das Wesen des Menschen in seinem Inneren bezeichnet, oder das, was man auch als das Göttliche in der Menschennatur bezeichnen kann.
Cite:
GA 68b/1909-10-21/p013 · edition original