52. Die Mission des Zornes. Der gefesselte Prometheus
Wenn wir das höchste Ideal dieses urteilsfähigen Menschen in Bezug auf ein Gebiet vor die Seele hinstellen wollen, in Bezug auf das menschliche Zusammenleben, in Bezug auf die Art und Weise, wie zwei Menschen sich zueinander verhalten, da treten uns zwei Dinge entgegen. Wenn wir sehen auf das Urteil, das den Menschen entgegentritt, so ist das der Begriff der Gerechtigkeit und der Begriff der Liebe. Wenn der Mensch den Begriff der Gerechtigkeit vor sich hinstellt, wird er sich sagen können: Die Gerechtigkeit ist etwas, was als höheres Ideal betrachtet werden kann. Das bedeutet den Einklang, den Ausgleich in den Lebensverhältnissen. Man braucht nur an Gut und Böse, Recht und Unrecht zu denken. Aber was ist es, was die menschliche Seele befällt, wenn sie das Wort «Gerechtigkeit» ausspricht, wenn sie sich dem Begriff der Gerechtigkeit hingibt? — Es ist etwas Frostiges, was die menschliche Seele in ihrer Empfindung erlebt, wenn sie sich diesem Begriffe hingibt. Gerechtigkeit empfindet sie als eine Notwendigkeit, als etwas, was sein muss, als etwas, dem sich der Mensch aus seinem gesunden Urteil heraus fügen muss.
Cite:
GA 68b/1909-10-21/p027 · edition original