52. Die Mission des Zornes. Der gefesselte Prometheus
In der Entwicklung muss es so sein, dass das, was hinaufleitet zu höheren Stufen der Entwicklung, in den Irrtum hineinleiten kann. Wenn der Mensch nun nicht in den Irrtum hineinkäme, könnte er sich nicht zur Wahrheit durcharbeiten. Wenn also der Zorn auch ausartet — wenn wir ihn uns aber in seiner umfassenden Bedeutung vor Augen stellen, können wir sehen, wie er wirkt. Nehmen wir einen jungen Menschen in den Jünglingsjahren, der noch nicht fähig ist, bestimmte Ideale auszubilden; er sieht aber in seiner Umgebung dieses oder jenes Unrecht; er kommt in das, was man einen edlen Zorn nennen kann. Und das, was man edlen Zorn nennen kann, [über] das, was er nicht billigen kann, das arbeitet in ihm, damit die Seele reif wird, in sich auszuarbeiten das, was die großen Ideale des Lebens werden können. Wie aus einer Muttersubstanz heraus wird das sich selbst überlassene Ich reif gemacht durch Eigenschaften wie den Zorn. Dass das Ich reif gemacht wird, können Sie auch anderen Tatsachen entnehmen. Weil der Jüngling von den Dingen, von denen er noch keinen Begriff haben kann, seine Ideale niemals verwirklicht sieht in seiner Umgebung, fühlt [er] immer wieder den nämlichen edlen Zorn über das, was ihm missfällt. Wenn die Menschen ins Leben hineinblicken, dann können sie wahrnehmen, dass alle die edlen Zornesaufwallungen in der Jugend später als Liebe und Milde herauskommen. Derjenige, der das Leben in seiner Ganzheit betrachtet, der sieht die Verwandlung des Jugendzornes in Altersliebe und Altersmilde.
Cite:
GA 68b/1909-10-21/p040 · edition original