52. Die Mission des Zornes. Der gefesselte Prometheus
Wir werden sehen, wie Goethe in seiner «Pandora» hineingearbeitet hat dasjenige, was er selber in tiefster Seele über diese Lebensrätsel empfunden hat. Deshalb aber, weil die Menschheit heute so fern von der Geisteswissenschaft steht, von dem, was in solcher Dichterseele lebt, deshalb waren die Gedichte wie die «Pandora», so wenig verstanden. Das war zu Goethes Zeit schon so. Deshalb fühlte sich Goethe auch einsam auf seiner Lebenshöhe. In dieser Einsamkeit empfand er auch manche Gefahren — wie die Menschen auch heute noch sagen: In der Jugend hat Goethe noch verständlich geschrieben, aber im Alter ist er heruntergekommen und schreibt [Unverständliches] hin. — Demgegenüber ist Goethe einmal in Worte ausgebrochen, die Sie in seinen Werken ausgesprochen finden: «Da loben sie meinen Faust und was noch sonst in meinen Werken steht ... und da glaubt das alte Lumpenpack, man wär’s nicht mehr.» So dachte er über das Unverstandene der geistigen Welt. Gerade wenn man die menschliche Seele betrachtet und sie praktisch verstehen will, dann muss man von der Geisteswissenschaft ausgehen. Man muss das Spiel der Kräfte betrachten können und den Sinn der einzelnen Kräfte, wie sie uns die Geisteswissenschaft darlegt. Dann blicken wir in die tiefen Abgründe der Seele so hinein, dass wir es praktisch anwenden können. Wir verstehen dann erst als andere Früchte dasjenige, was von diesem Gesichtspunkte aus geistig zu uns spricht [durch] Aischylos in seinem Drama [von] Zeus gegenüber Prometheus, den wir erst verstehen werden, wenn wir verstehen, was der Zorn für eine Mission hat in dem astralischen Leib zur Entwicklung des Ich zur [Liebe]fähigkeit. Da lüftet sich der Schleier, den wir gelüftet haben müssen, wenn wir zu unserer Befriedigung und zum rechten praktischen Leben eindringen wollen so, dass wir sagen können: Gewiss, wenn wir geisteswissenschaftlich die Seele betrachten, fühlen wir, wie tief der Grundton ist, fühlen auch, dass wir auf dem Wege sind, in diesen Grund hineinzudringen. Die Geisteswissenschaft wird uns erst beraten, das Richtige nach und nach anzustreben, um die zu erreichenden Ideale und Erkenntnisse des Seelenlebens zu durchdringen; sie wird uns zeigen, von diesen Idealen aus in neuer Weise verständlich zu machen die Worte des uralten Weisen aus dem fünften und sechsten Jahrhundert, an den wir uns erinnern können, wenn wir die Tiefen der Seele erforschen, um die Grenzen der Seele zu finden. Schwer wird es sein, wenn wir auch eine Strecke durchwandern würden, denn unendlich tief ist der Seele Grund.
Cite:
GA 68b/1909-10-21/p066 · edition original