53. Der menschliche Charakter
Aber das Ich muss diese Ideale auch in die Empfindungsseele hinuntertragen. Dort bearbeiten die moralischen Ideale auch unsere Triebe, Instinkte und Leidenschaften und machen sie zu etwas ganz anderem. Nach und nach ergießt sich in dieses Triebleben das moralische Ideal, der Trieb wirkt nun als Kraft, und das moralische Ideal bekommt Gewalt, sich zu verwirklichen. Der Trieb hat seine Triebnatur aufgegeben und was in ihm als Kraft ist, wird zum Träger des moralischen Urteils und Ideals. So werden wir im Leben zu handelnden Menschen, die nicht bloß Triebe und Leidenschaften ausleben, sondern zu solchen, die das Licht der moralischen Ideale hinuntertragen, sodass in ihnen kein Widerspruch besteht zwischen dem, worin sie die Leidenschaften tragen, und dem, was da leuchtet als moralische Urteile und Ideale. So trägt das Ich wieder hinunter in die unteren Regionen des Seelenlebens, was es oben gewonnen hat. So durchwärmt es die Seele mit dem in der Bewusstseinsseele Gewonnenen.
Cite:
GA 68b/1909-10-29/p043 · edition original