55. Die Mission der Andacht
Meine sehr verehrten Anwesenden! Als ich das letzte Mal hier vor Ihnen sprechen durfte über die «Mission des Zornes» und «die Mission der Wahrheit» für die Menschenseele, da konnte ich hinweisen auf den Spruch des großen griechischen Philosophen Heraklit: «Der Seele Grenzen wirst du nimmermehr ausfindig machen und wenn du auch alle Straßen durchwandeltest, so weit sind ihre Gebiete.» — Und schon dazumal ist die Berechtigung dieses Spruches über die Weite des menschlichen Seelenlebens nachgewiesen worden daran, dass wir einigermaßen eindringen können in das komplizierte Gefüge dieses unseres eigenen Seelenlebens nur dann, wenn wir sozusagen zuerst ein wenig Ordnung in die Betrachtung der Seele hineinbringen; das heißt, wenn wir nicht dabei stehen bleiben, die Seele einfach anzusehen als dasjenige, als was sie uns entgegentritt — als eine Summe von aufund abwogenden Empfindungen, Gefühlen, Trieben, Begierden, von Vorstellungen, von Ideen, von Idealen und so weiter, sondern dass wir uns klar werden, wie dieses Seelenleben zerfällt in drei voneinander gesonderte Gebiete: in dasjenige, was man zunächst nennen kann innerhalb des Menschen die Empfindungsseele, dasjenige, was man nennen kann die Verstandes- oder Gemütsseele und endlich das dritte, höchste Seelenglied, das man nennen kann die Bewusstseinsseele. Denn diese drei verschiedenen Seelenglieder haben drei ganz verschiedene Arten von Entwicklungsbedingungen. Und was sozusagen uns lehren kann, wie das eine dieser Seelenglieder sich entwickelt, das ist nicht zu gleicher Zeit geeignet, uns Aufschluss zu geben über die Entwicklungsgesetze und Entwicklungsbedingungen des anderen der genannten Seelenglieder.
Cite:
GA 68b/1910-03-12/p003 · edition original