55. Die Mission der Andacht
Wir können die beiden Elemente der Andacht, die sich uns in ihr zeigen, bezeichnen als Ergebenheit, als Hingabe auf der einen Seite und als Liebe auf der anderen Seite. Wenn in unserer Seele unser Gefühl durchströmt und durchwärmt ist von Liebe zu einem Wesen, so ist diese Liebe das eine Element, das uns zur Andacht führt; die Ergebenheit des Willens, sie ist das andere Element, das zur Andacht führt. Und wo Liebe und Hingegebenheit auftreten, da müssen sie auch auftreten [als Liebe und Hingegebenheit] an das Unbekannte; denn es besteht ein inniger Zusammenhang zwischen allen Wesen, auch zwischen den niederen Wesen und uns selbst. Aus Liebe und Hingabe besteht dasjenige in unserer Seele, was sich als Andacht dann ausleben kann. Aber wir dürfen in der Hingabe nicht uns selbst verlieren; wir müssen in die Stimmung der Andacht hineingehen unter der Wahrung unseres Ich. Tun wir das nicht, dann lähmen wir unseren Willen, dann tritt eine Schwächung statt einer Stärkung unseres Willens ein. Treten wir mit einer blinden, nicht mit Verstandesseele durchzogenen Liebe an die Dinge heran, dann wird diese Liebe blind, dann werden wir, statt zur Erkenntnis, zu einer Form Aberglaubens, blinden Glaubens kommen. Und vor allen Dingen, wenn Verstand und Gemüt nicht durchdringen unsere Liebe und sie läutern, werden wir dazu kommen, dass das in uns auftritt, was wir ungeführte, unberatene Liebe nennen können. Das aber ist Schwärmerei. Das ist dasjenige, was sich zuletzt zum Wahn gegenüber dem Unbekannten steigern kann. So wie wir durch eine Ergebenheit oder Hingabe, in der wir unser Ich verlieren, allmählich zur geistigen Ohnmacht verurteilt werden, so werden wir zu einem Irrlichtelieren in der Welt durch unsere Liebe verführt, die nicht durchleuchtet ist von den Taten des Führers, der für alles Zurechtfinden eben da ist: von der Verstandes- oder Gemütsseele.
Cite:
GA 68b/1910-03-12/p059 · edition original