55. Die Mission der Andacht
Deshalb ist es auch, dass Andacht da, wo sie kultiviert werden sollte, so sehr darauf angewiesen war, in Gemeinschaft gepflegt zu werden; deshalb ist es auch, warum der einzeln durch die Welt gehende Mensch recht wenig zur Andacht kommen kann. Und wie sie leicht sich entwickeln kann im Anschauen des anderen, so ist die Andacht auch das, was uns herausführt aus uns, was uns zusammenführt mit den anderen Menschen, denn nichts ist so schön entflammend unsere Andacht, als wenn wir sie teilen können mit andern, die zum Gleichen andächtig aufblicken. So führt auch in dieser Beziehung Andacht unsere Seele hinauf zu den Höhen, wo sie als Bewusstseinsseele aus sich heraustritt, wo sie Gemeinschaft schließt mit der Umwelt. In der Andacht hat der Mensch etwas, was den Menschen aus sich herausführt, was ihn frei macht von bloßem selbstsüchtigem Fühlen, Wollen und Denken, was ihn anweist dazu, gemeinschaftlich mit anderen in seinem Ich etwas zu haben, wozu er aufblicken kann. Das ist die Mission der Andacht in der menschlichen Gesellschaft. Sie führt Ich zu Ich, sie gießt eine wunderbare Stimmung und Atmosphäre aus über eine Gemeinde, wenn sie in der richtigen Weise gehegt und gepflegt wird.
Cite:
GA 68b/1910-03-12/p062 · edition original