X. Das Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie

GA 68c/1904-04-04/p003 ·1904-04-04 · original (original)
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Wenn die Theosophie behaupten wollte, dass sie etwas ganz Neues, erst in den letzten Jahrzehnten in die Welt Gekommenes sei, dann könnte man ihr wohl sehr leicht und wirkungsvoll entgegentreten. Denn es wird dem Menschen zwar leicht zu glauben, dass einzelne besondere Wahrheiten, neue Errungenschaften auf irgendeinem Erkenntnisgebiete das menschliche Anschauungs- und Gedankenleben in der fortschreitenden Zeit bereichern könnten; nicht aber dass dasjenige, was des Menschen tief innersten Kern betrifft, den Urquell menschlicher Weisheit, dass dieses als etwas völlig Neues in irgendeiner Zeit auftreten sollte. Das ist ohne Weiteres nicht zu glauben, und es ist daher wohl nur natürlich, dass ein solcher Glaube, als ob die Theosophie etwas völlig Neues bringen könnte oder wollte, das Misstrauen gegen die theosophische Bewegung hervorrufen müsste. Aber Theosophie hat sich von jeher, seit sie versuchte, auf die moderne Kulturbewegung einen Einfluss zu gewinnen, als eine uralte Weisheit bezeichnet, als etwas, was die Menschen gesucht haben, was sie in den verschiedensten Formen zu erringen hofften zu allen Zeiten. Und es ist die Aufgabe der theosophischen Bewegung gewesen, in den verschiedenen Religionsbekenntnissen und Weltanschauungen nach den verschiedenen Formen zu suchen, in welchen das Volk durch die verschiedenen Zeitalter hindurch zur Quelle der Wahrheit vorzudringen bemüht war. Die Theosophie hat an den Tag gebracht, dass zu den verschiedenen Zeiten, auch in den urältesten Zeiten, die Weisheit, durch welche der Mensch sein Ziel zu erkennen versuchte, etwas tief Verwandtes hatte. Und so ist es in der Tat. Theosophie macht uns bescheiden in Bezug auf die Errungenschaften unserer eigenen Zeit. Der bekannte, durchaus unbescheidene Spruch, dass wir es so herrlich weit gebracht haben in diesem 19. Jahrhundert, dieser Spruch erfährt eine sonderbare Einschränkung durch die Betrachtung des Geisteslebens in seinem tiefsten Sinne, durch die Jahrhunderte und die Jahrtausende hindurch.

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