X. Das Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie

GA 68c/1904-04-04/p007 ·1904-04-04 · original (original)
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Wer das Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie versteht, der weiß, dass wir in Goethe einen Theosophen vor uns haben, einen Mystiker. Goethe hat die Weisheit, die Lebensanschauung, welche die Theosophie in populärer Form zu vertreten hat, auch vertreten; und gerade das «Märchen» ist ein vollgültiger Beweis dafür. Nur hat man dazumal, in den Zeiten, als Goethe sich aussprach, nicht wie heute in öffentlichen Vorträgen durch die Macht des Verstandes die höchsten Wahrheiten in Worte zu kleiden versucht; nicht versucht, diese intimsten menschlichen Seelenwahrheiten in derselben Weise vorzutragen. Diejenigen, welche einen Einblick in solche Wahrheiten getan haben, haben sie in bildlicher Form, durch Gleichnisse zum Ausdruck gebracht. Es war eine alte Gepflogenheit, eine Gepflogenheit, welche noch aus dem Mittelalter stammt, dass man zu den höchsten Einsichten nicht in abstrakter Form gelangen kann, sondern dass dazu eine Art von Einleben, eine Art von Einweihung gehört. Und diese Einweihung machte es denjenigen unmöglich, von diesen höheren Wahrheiten zu sprechen, welche spürten, dass eine gewisse Stimmung, eine Art Seelenhauch dazugehört, um solche Wahrheiten fassen zu können; Wahrheiten, welche in der Tat nicht bloß mit dem Verstand wahrgenommen werden können. Eine gewisse Stimmung gehört dazu, und diese Stimmung nenne ich den «Seelenhauch». Die Verstandessprache erschien ihnen persönlich zu nüchtern, zu trocken, um die höchsten Wahrheiten auszudrücken. Außerdem hatten sie noch etwas von der Überzeugung, dass der, welcher solches erlebt, sich erst der Wahrheit würdig machen muss.

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