X. Das Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie

GA 68c/1904-04-04/p008 ·1904-04-04 · original (original)
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Diese Überzeugung hat bewirkt, dass in alten Zeiten, bis etwa zum dritten Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung, die Wahrheit über die menschliche Seele und den menschlichen Geist nicht so vorgetragen wurde, dass sie öffentlich preisgegeben werden konnte, sondern derjenige, welcher in den Besitz der höchsten Wahrheiten gelangen sollte, musste erst vorbereitet werden zur Aufnahme dessen, was in den sogenannten Mysterienstätten geboten wurde. Diese Mysterienstätten führten zuletzt alles dasjenige, was sie an Geheimnissen, an Natur- und zyklischen Gesetzen den Mysten überbrachten, als etwas vor, was wir, wenn wir es in trockenen Verstandessätzen ausdrücken, als nüchterne Wahrheit erkennen würden, was aber der Schüler als lebendige Wahrheit erkennen und leben musste. Es handelt sich nämlich nicht darum, Weisheit zu denken, sondern Weisheit zu leben. Es handelt sich nicht bloß darum, die Weisheit mit der Glut des Geistes zu durchdringen, sondern darum, dass der Mensch ein ganz anderer wurde. Er musste vor das Heiligste mit einer gewissen Scheu hintreten; er musste verstehen, dass die Wahrheit etwas Göttliches sei, dass sie durchtränkt sei von göttlichem Weltenblut, dass sie einzieht in unsere Persönlichkeit, dass die göttliche Welt wieder aufleben solle, dass Erkennen dasselbe heißt, was mit dem Wort Entwicklung bezeichnet ist. Das sollte dem Mysten klar gemacht werden, und das sollte er auf der Läuterungsstufe der Mysterien erreichen. Er sollte sich anerziehen die heilige Scheu vor der Wahrheit, er sollte abgezogen werden von dem Haften an dem Sinnlichen, von den Leiden und Freuden des Lebens, von dem, womit uns das Alltagsleben umgibt. Das, was wir notwendig haben, wenn wir uns vom profanen Leben zurückziehen, das Licht des Geistes, das konnte nur empfangen werden, wenn jenes abgelegt war. Wenn wir würdig sind, das Licht des Geistes zu empfangen, dann sind wir andere geworden, dann lieben wir den Geist, dann lieben wir mit ernster Sympathie und Hingabe dasjenige, was wir sonst nur als ein schattenhaftes Dasein, als ein abstrakt Bestehendes erkannt haben: Wir lieben das Geistesleben, das für den gewöhnlichen Menschen nur Gedanke ist. Der Myste aber lernt hinopfern das Selbst, das am Alltäglichen haftet; er lernt die Wahrheit nicht nur denkend durchdringen, er lernt sie durchleben, er lernt sie zu empfangen als göttliche Weisheit, als Theosophie. Goethe hat diese Überzeugung im «West-Östlichen Diwan» ausgesprochen:

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