X. Das Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie
Die Irrlichter wollen dem Fährmann den schuldigen Tribut mit Gold bezahlen. Er verlangt aber Früchte der Erde, die sie nicht haben; sie haben nur Gold. Er aber will nicht mit Gold bezahlt sein. Goldstücke, sagt er, sind dem Fluss verderblich. Der Fluss kann solches Gold nicht leiden, das heißt, Weisheit kann man nur mit Früchten der Erde bezahlen. Das ist eine tiefe Weisheit. Das Gold bedeutet die im Menschen lebende Kraft der Weisheit. Diese im Menschen lebende Kraft der Weisheit ist seine Führerin durch das Leben. Diese Kraft der Weisheit macht sich geltend, wenn der Mensch sich in die Sinnlichkeit versetzt fühlt, als die Kraft seines Wissens, seines Verstandes. Diese Weisheit aber ist nicht dasjenige, was den Menschen zur Entwicklung bringt; diese ist es gerade, die ihn selbstsüchtig, egoistisch macht, wenn sie sich mit der menschlichen Natur vereinigt. Würde sie sich vereinigen mit dem, was im Strom dahinfließt, diese Verstandeskraft, dieses Wissen, dann würde die Leidenschaft ungeheure Wellen aufwerfen; denn überall da, wo der Mensch nicht seine Weisheit in den Dienst der Selbstlosigkeit stellt und sie einfach hineinwirft, seinen Leidenschaften frönt, da wirft der Strom wilde Wellen auf. Es ist unmöglich, dass man dem Strom Genüge leisten kann mit dem Gold, mit der Weisheit. Er weist also die Weisheit zurück, die noch nicht durch die Selbstlosigkeit hindurchgegangen ist. Er weist sie zurück in die Schluchten, wo die tiefe Finsternis der Erde, wo die tiefen Klüfte sind. Dort vergräbt er sie. Wir werden gleich hören, warum er sie vergräbt. Der Fährmann verlangt also drei Kohlköpfe, drei Artischocken, drei Zwiebeln; er verlangt also Früchte der Erde.
Cite:
GA 68c/1904-04-04/p019 · edition original