X. Das Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie
Aber noch auf einem anderen Wege ist die Übersetzung über den Fluss möglich, und zwar des Abends, wenn der Schatten des großen Riesen sich über den Fluss hinüberlegt. Auch der Schatten des großen Riesen kann eine Brücke über den Fluss bilden, aber nur in der Dämmerungsstunde. Dieser Schatten des großen Riesen, was ist er? Goethe hat mit seinem vertrauten Freunde eingehender und tiefer über die Kräfte gesprochen, die er im «Märchen» symbolisch angedeutet hat. Als Schiller einmal eine Reise nach Frankfurt am Main machen wollte und in Gefahr war, in die Händel jener Zeit vermischt zu werden, da schrieb Goethe an Schiller: Ich bin sehr froh, dass Sie nicht hergekommen sind nach dem Westen, denn der Schatten des Riesen hätte Sie unsanft anfassen können. Die Bedeutung des Riesen spricht sich aber auch deutlich in dem Märchen selber aus. Der Riese, der schwach ist, vermag nichts. Nur sein Schatten kann die Brücke nach dem jenseitigen Ufer bilden. Dieser Riese ist die rohe [mechanische] Naturgewalt. Ihr Schatten vermag da, wo das Licht nicht mehr so hell scheint, wo das Licht nicht mehr täuscht, den Menschen der rohen Leidenschaften über den Fluss hinüberzuführen. Das sind diejenigen Menschen, die beim Auslöschen ihres klaren Tagesbewusstseins in den verschiedenen Seelenzuständen, in Trance, in Somnambulzuständen, im Zustand psychischen Schauens und so weiter, hinüberzukommen suchen in das Land des Geistes. So war auch das Tagesbewusstsein ausgelöscht in dem wilden tobenden Handeln, durch welches die Menschen jener Zeit in das Reich der Freiheit dringen wollten. Die Menschen wollten das Land der schönen Lilie erringen. Der Schatten des Riesen aber kann nur hinüber. Nur unsicher, in der Dämmerung des Bewusstseins, kann der Mensch die Leidenschaften überwinden, das heißt übertäuben, wenn er in fast bewusstlosem Zustande sich befindet, wenn er nicht im hellen Tagesbewusstsein lebt.
Cite:
GA 68c/1904-04-04/p031 · edition original