XXIX. Das Wesen des Egoismus (Goethes «Wilhelm Meister»)

GA 68c/1909-11-28/p014 ·1909-11-28 · original (original)
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Derjenige Mensch wird seinen Mitmenschen am meisten dienen, der so viel als möglich eigene Fähigkeiten entwickelt. Keine Kräfte, die in uns sind, unentwickelt zu lassen führt uns zum Heil. [Nun ist aber bei dem Streben, seine Kräfte so viel als möglich zu entwickeln], die Gefahr, in verderblichen Egoismus zu geraten, aber ohne das könnte der Mensch keine Freiheit entwickeln. [Und so kann der Egoismus den einen zum Heil, den anderen zum Unheil führen.] Bei der Pflanze ist gesorgt, dass sie über das Maß nicht gehen kann. Wenn die Blüte am schönsten ist, bringt sie ihr eigenes Wesen heraus. In dem Moment, wo die Gefahr besteht, ihr Ich herauszustellen, die Selbstheit zu entwickeln, kommt der Blütenstaub, und die Blüte muss zum Keim übergehen, stirbt ab. Dies Gesetz gilt in gewisser Weise auch für den Menschen. Der erlebt auch, wenn er den Einklang schafft zwischen Empfindungsseele und Empfindungsleib, dass er in dem Moment, wo er verhärtet, sich nicht in die Welt ausgießt, dahinwelkt. Es gibt Menschen, die den Einklang schaffen zwischen dem, was in die Seele einströmt, und was sie erlebt. Die sind dann harmonisch. Das muss durch die Erziehung angestrebt werden. [Die Menschen aber, bei denen das Ich zu sehr in der Empfindungsseele wirkt, ohne Ausgleich nach außen, also wo das Ein- und Ausströmen nicht harmonisch ist, diese veröden.] Die können auch vor einem Kunstwerk nichts empfinden. Das ist das Geheimnis des Geschehens im Egoismus. Die Menschen müssen die Möglichkeit finden, zu entflammen an den Eindrücken der Natur, [bei Kunstwerken etwas empfinden lernen]. Der Arzt müsste sich hineinversetzen in das, was die Seele erlebt; [bis in die äußeren Bewegungen hinein, zum Beispiel beim Turnen, muss ein inneres Empfinden dringen]. Er muss sich freuen können an der Umwelt, das ist ein Geistgläubiger.

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