XXIX. Das Wesen des Egoismus (Goethes «Wilhelm Meister»)

GA 68c/1909-11-28/p015 ·1909-11-28 · original (original)
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Auf anderem Gebiet [müssen] wir diese Harmonie [herstellen, zum Beispiel] in der Erkenntnis [unseres Selbst]. In unserer Erkenntnis selber müssen wir die Harmonie finden. «Erkenne dich selbst» wird oft falsch verstanden. [Unser wahres Selbst mit der] Welterkenntnis [in Einklang zu bringen], ist Selbsterkenntnis, ist ein Stück in der Erziehung des Menschen zu jener Selbsterkenntnis, welche selbstlos ist; zur berechtigten Selbstlosigkeit, sodass sich das Ich wieder ergießt in die Welt. Nur nicht in sich hineinbrüten! Das verhärtet. Selbsterkenntnis ist etwas, was uns dazu führt, aufzublühen. Sonst welken wir dahin als Sonderlinge, als blasse Neidlinge. Suchen wir den Gott nur in uns, so stellen wir uns in Missklang zu der Welt. Suchen wir ihn in der Welterkenntnis, [wirken wir nach außen], dann gibt es ein herstellendes Gleichgewicht in unseren Willensimpulsen. Das ist ein wichtiges Gesetz in Bezug auf das, was wir wollen. Denn nichts wirkt, solange es in unserem Innern bleibt, sondern erst, wenn es aus uns heraustritt. Dann wirkt es zu unserem Gedeihen, wenn es [von außen] im Spiegel uns entgegentritt. Das sind die bestdenkbaren Taten: hinauszusetzen in die Welt das Getane. Sie sind das Belebende. [So lange kann der Mensch sein Ich reich machen, als die Förderung des eigenen Ich ihn belebt.] Die besten Taten des Egoisten, seinetwegen getan, fördern ihn nicht. In dem Augenblick, wo der Egoismus einen gewissen Grad übersteigt, ertötet er die Seele. Viele sind unbefriedigt und verödet, viele Egoisten leben in der Verwelkung. Der Egoismus, der über sein Ziel hinausschießt, kehrt sich gegen den Egoisten selber. Wenn der Mensch in der Entfaltung seines Ichs die Grenze überschreitet, verödet er. [Der Egoist lebt in der Verwelkung.] Das würde mehr hervortreten, wenn der Mensch nicht in einer äußerlichen Gesellschaft lebte. Wir stehen in einem Zusammenhang, wir Menschen, und so trägt hier nicht der Egoist die Wirkung seines Egoismus, sondern ein anderer muss sie tragen. Für den Egoisten selbst drückt sich dies erst im Karma aus.

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