XXXI. Die Mission der Wahrheit
Steigen wir herauf in dasjenige, was ein höheres Glied der menschlichen Seele ist, in die Verstandes- oder Gemütsseele, dann wird das Ich schon klarer in sich selber und lichtvoller, da wird das Ich schon eine sich selber haltende und fassende Kraft im Menschen. Wodurch eigentlich ringt sich die Verstandes- oder Gemütsseele aus der Empfindungsseele heraus? Der Mensch steht gegenüber der Außenwelt. Diese Außenwelt macht ihre Eindrücke auf den Menschen; sie gibt ihm in der Wahrnehmung die reiche Welt von Farbe und Licht, von Tönen, von Wärme und Kälte, kurz von allem, was wir durch unsere Sinne wahrnehmen. Wenn wir unsere Seele durch ihre Organe mit der Außenwelt in ein Verhältnis bringen, dann steigt auf in unserer Empfindungsseele gegenüber dem, was wir in der farbigen Welt, in der tondurchströmten Welt, in der Welt des Geschmackes und Geruches draußen wahrnehmen, Lust, und Freude, Leid und Schmerz und so weiter über die Wahrnehmungen. Alles das, was da in unserer Empfindungsseele an Begierden, Trieben sich anknüpft an die äußere Wahrnehmung, das macht sozusagen das unterste der Seelenglieder aus, und in diesem lebt dumpf, seiner selbst noch unbewusst, das menschliche Ich, dieser Mittelpunkt des menschlichen Wesens. In diesem untersten Glied der Seele leben aber auch die Affekte, die Leidenschaften, die Triebe und Begierden. Der Mensch lässt sich leicht hinreißen von ihnen; sein Ich ist da noch nicht Herr über Zorn, Ärger, Verdruss; es lässt sich hinreißen von Lust und Leid, von Trieben und Begierden, geht in diesen unter, ist nicht der Dirigent, der Akteur gegenüber diesen Trieben und Begierden. Da unten also lebt in dem wogenden Meere der Erscheinungen der Empfindungsseele dumpf brütend — können wir sagen — das Ich; aber es kann sich nicht herausheben aus diesem, wogenden Meere der Empfindungsseele dasjenige, was wir Verstandes- oder Gemütsseele nennen, wenn nicht der Mensch sich so in sich selbst vertieft, dass er im Innenleben anknüpft an dasjenige, was er in der Außenwelt erfahren hat. Von dieser Außenwelt empfangen wir die unmittelbaren Eindrücke. Die tragen wir hinweg aus unserem Verkehr mit der Außenwelt. Dann sind wir mit uns selber. Da wägen wir die eine Freude an der andern ab, da brüten wir über unseren Schmerz, wir versuchen, über ihn wegzukommen oder uns erst recht in ihn hineinzuwühlen. Da bauen wir das aus in uns, was wir empfangen haben an Eindrücken von außen. Was so die Seele aufbaut im Innern, das könnte sie nicht durcharbeiten, wenn nicht das Ich mit dem, was empfangen worden ist, etwas machte, wenn nicht das Ich in dieser Seele arbeitete. Anregungen von außen können kommen ohne das Ich; der Mensch braucht sich nur der Außenwelt gegenüberzustellen, die Welt wirkt auf ihn ein. Wie aus einem Spiegel entstehen in der Empfindungsseele an der Außenwelt Lust und Leid, Begierden und Triebe und so weiter; aber erst, wenn wir uns von dieser Außenwelt abwenden und in uns sammeln, wenn wir unsere Triebe und Begierden verarbeiten, wenn wir in unseren Vorstellungen ein Ganzes bilden, dann sagen wir: Wir arbeiten uns durch das Ich aus der Empfindungsseele in die Verstandesseele, dann verinnerlichen wir uns innerhalb unseres Selbst, dann verarbeiten wir dasjenige, was wir von außen empfangen haben. Und dieses im Innern Erarbeitete, das ist der Inhalt der Verstandes-, der Gemütsseele. Und erst dann, wenn wir imstande sind, das, was wir aufgebaut haben, wieder in Beziehung zu bringen zur Außenwelt, wenn wir uns durch unser Innenleben ein Reich von inneren Erlebnissen gebildet haben, wenn wir eine Summe von Lust und Freude in unserer Seele ausgebildet haben, die wir «schön» nennen zum Beispiel, und das alles wiederum anwenden auf die Außenwelt; wenn wir durch die Begriffe, die wir uns gemacht haben, dazu kommen, etwas in der Außenwelt als gut, schön, wahr zu erkennen, dann sagen wir, wir erlangen ein Erkennen von der Außenwelt. Da arbeiten wir uns wiederum heraus zum Ergreifen der Außenwelt, herauf zum wissenden, erkennenden Menschen: Da bilden wir die Bewusstseinsseele aus. Die ist zunächst das höchste Glied der menschlichen Seele. So führt uns die Empfindungsseele von außen in uns hinein, so leben wir in uns durch die Verstandes- oder Gemütsseele, so finden wir den Weg wiederum, die Welt erkennend und wissend zu erfassen durch unsere Bewusstseinsseele.
Cite:
GA 68c/1909-12-06/p012 · edition original