XXXI. Die Mission der Wahrheit

GA 68c/1909-12-06/p013 ·1909-12-06 · original (original)
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Innerhalb der Empfindungsseele haben wir das Element des Zornes angetroffen, und in dem Zorn haben wir einen der Vorbereiter gefunden zur Entwicklung des Ichs und der Seele. Derjenige Mensch, der noch nicht reif ist, in sich ein Urteil zu bilden über das Wahre, Gerechte, Gute, der wird dadurch, dass er beim Anblick irgendeiner Lüge, einer Ungerechtigkeit, eines Bösen in edlen Zorn gerät, Stellung nehmen zu dieser Außenwelt. Der Zorn wird sozusagen ihm anzeigen: Das ist nicht dir gemäß, [das ist ein Missklang, ein Hemmnis] und in seinem Innern erwacht dasjenige, was man das Ich nennt, was sich der Außenwelt entgegenstellt. Da, wo wir in Zorn entflammen über etwas, was wir nicht zugeben können, da ist das Erwachen des Ichs gegeben. [Und [der Zorn] entwickelt dieses im Hinüber- und Hinaufleben in die Verstandes- und Gemütsseele durch stetige Verinnerlichung heraus aus der Entwicklungsseele.] Ist der Zorn also etwas, was der Mensch überwinden muss, damit er sich entwickle, können wir geradezu sagen vom Zorn: Er hat seinen Wert dadurch, dass er überwunden werden kann; hat der Zorn erst dann seine volle Bedeutung für den Menschen erlangt, wenn der Zorn sich in Liebe und Milde verwandelt hat, so müssen wir sagen: Das Wichtigste für die Verstandes- oder Gemütsseele ist so, dass es sich uns als dasjenige Element darstellt, das im besten Sinne die zwei gestern erwähnten Seiten des Ichs zur Entwicklung bringt. Soll das Ich des Menschen sich in entsprechender Weise entwickeln, so muss es so geschehen, dass es auf der einen Seite immer voller und voller wird. Nur dadurch, dass der Mensch ein reiches Vorstellungs- und Ideenleben, ein reiches Empfindungs-, Gefühls- und Willensleben in sich entwickelt [und dadurch seine Ich-Kräfte in sich stärkt], nur dadurch wird er auf der einen Seite viel von der Welt umfassen können — und auf der andern Seite wird das Ich ein starker Ausgangspunkt des Wirkens nach außen werden können. Je mehr seine Eigenheit sich entwickelt, desto mehr — dürfen wir sagen — ist der Mensch als Menschenwesen in der Welt wert. Aber wir haben schon darauf hingewiesen, dass dieses Ich ein zweischneidiges Schwert ist, dass auf der andern Seite dieses Ich, indem es nur darauf ausgeht, in sich selber reicher und voller zu werden, sich in sich verschließen kann; dass es gerade dadurch, dass es nur in sich leben will, das Tor versperrt gegen die Außenwelt und dadurch verarmt. Soll der Mensch so selbständig, so stark als möglich werden auf der einen Seite, so muss er gerade dadurch vermeiden zu verarmen, wenn dieses Selbst sich gegenüber der Außenwelt verschließt, dass er auch die zweite Seite des Ichs, die Selbstlosigkeit, das Zusammenfließen mit der Außenwelt kultiviert.

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Cite: GA 68c/1909-12-06/p013 · edition original