XXXI. Die Mission der Wahrheit

GA 68c/1909-12-06/p015 ·1909-12-06 · original (original)
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Daher diese Eigentümlichkeit der Wahrheit, dass wir nichts brauchen als das Arbeiten unseres Ichs selber, wenn die Wahrheit einen Wert für uns haben soll. Allerdings ist es beim gegenwärtigen Menschen so, dass kaum etwas anderes als die einfachsten Wahrheiten für ihn eine solche Gestalt annehmen, dass das Ich wirklich durch sich selbst entscheiden kann. Es sind das die einfachsten rechnerischen Wahrheiten. Haben wir einmal bei uns selber entschieden, dass dreimal drei neun ist und nicht zehn, dann genügt diese im innersten Allerheiligsten unseres Ichs gefällte Entscheidung, um zu wissen, dass das wahr ist. Und wenn Millionen von Menschen sagen würden: Dreimal drei ist zehn, wir würden uns unbedingt für dreimal drei ist neun entscheiden. Das ist für die rechnerischen, für die mathematischen Wahrheiten deshalb gültig, weil sie übersichtlich sind, weil sie sozusagen in ihrer Einfachheit sich uns unmittelbar darbieten. Wenn wir daher durch diese Einfachheit dasjenige überwinden, was in der Empfindungsseele sich geltend macht als Leidenschaft, indem sich das Ich heraufarbeitet in die Verstandesseele, muss es geradeso, wie es den Zorn überwindet, überwinden die anderen Affekte. Denn nur dadurch wird das, was der Mensch in der Seele erlebt, zur Wahrheit, dass alles, was an Instinkten, Begierden, Trieben, Leidenschaften in der Seele ist, hinausgeworfen wird. Da, wo die Menschen nicht übereinstimmen in Bezug auf die Wahrheit, wo nicht ein jeder in seiner Seele dieselben Wahrheiten findet, da sind es eben die Triebe, die Begierden, die Leidenschaften, welche ihn sozusagen hindern, wirklich durchsichtig und hell und klar die Verhältnisse der Wahrheit zu schauen. Bei den einfachen rechnerischen Wahrheiten können die Leidenschaften nicht mitsprechen. Würden zum Beispiel die Leidenschaften aufkommen gegenüber der Durchsichtigkeit der rechnerischen Wahrheiten, dann würde gewiss manche Hausfrau begehren, dass, wenn sie dreimal drei Mark zum Markte bringt, das zehn Mark machen würde; denn die Leidenschaften sprechen dafür, aber die Einfachheit und Durchsichtigkeit der rechnerischen Wahrheiten lässt die Leidenschaften, die Begierden nicht aufkommen. In diesem Falle — in einer jeglichen Sache überhaupt, wo wir es dahin gebracht haben, die Leidenschaften und Begierden zum Schweigen zu bringen, da durchschauen wir auch klar die Verhältnisse der Wahrheit. Bei alldem, wo wir es noch nicht dahin gebracht haben, dass die Leidenschaften und Begierden schweigen, sind wir noch nicht imstande, über die Wahrheit im Ernst zu entscheiden. Haben wir es aber dahin gebracht, über eine Wahrheit zu entscheiden, dann ist das Ich in seinem Innersten der Richter über die Wahrheit. Also, das Ich muss sich fühlen in seiner Kraft, indem es über die Wahrheit entscheidet, indem es sich Wahrheit erwirbt.

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