XXXI. Die Mission der Wahrheit

GA 68c/1909-12-06/p016 ·1909-12-06 · original (original)
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Und wiederum: Haben wir die Wahrheit über eine Sache erworben, dann dürfen wir sagen: Diese Wahrheit ist, trotzdem sie auf die persönlichste Art erworben ist, das Allerunpersönlichste; denn dieselbe Wahrheit können wir in allen Seelen finden. Wenn wir eine Wahrheit gefunden haben, wird sie bei Millionen Menschen, die sie auch gefunden haben, dieselbe Gestalt zeigen. Daher werden wir uns über die Wahrheit mit der ganzen Umwelt verständigen können. So ist die Wahrheit das Persönlichste und so ist sie das Unpersönlichste. Sie führt am tiefsten in uns hinein, weil sie da entschieden werden muss, und sie führt wiederum hinaus, weil sie unabhängig von unserer Willkür gilt. Daher ist die Wahrheit dasjenige Element im Seelenleben, das die wichtigste Mission in Bezug auf dieses Seelenleben hat, das auf der einen Seite zur Selbstständigkeit das Ich erzieht — denn das Ich ist der Richter über die Wahrheit — und auf der anderen Seite zur Selbstlosigkeit, indem die Wahrheit dieses Ich zusammenführt mit all demjenigen, was in unserer Umgebung ist, wo überhaupt von Wahrheit gesprochen werden soll. Die beiden Seiten des zweischneidigen Schwertes, sie werden durch die Wahrheit am besten erzogen, und so wird das Ich kräftig, um heraufgeführt zu werden aus dem wogenden Getriebe der Empfindungsseele, wo es noch dumpf brütet; so wird es kräftig, um heraufgeführt zu werden in die Verstandes- oder Gemütsseele, und so wird es zu gleicher Zeit vorbereitet, um hinaufgeführt zu werden in die Bewusstseinsseele, wo es wiederum hinauskommt zum Ergreifen der Umwelt, zur selbstlosen Erfassung der Welt. Damit haben wir die Wahrheit charakterisiert als das wichtigste und das wesentlichste Element bei der Entwicklung des Ichs, bei der Arbeit des Ichs an den drei Seelengliedern, der Empfindungsseele, der Verstandes- oder Gemütsseele und der Bewusstseinsseele. Deshalb ist die Wahrheit eine so gewaltige Erzieherin des Ichs, weil sie nach beiden Seiten hin wirkt. Nur müssen wir es wirklich ernst mit ihr nehmen. Nur derjenige, der in seinem Ich wirklich nach der Wahrheit strebt, und nur nach der Wahrheit strebt, der wirklich nur entscheiden lässt in sich selber, in seiner Vorstellungswelt nach Maßgabe der Wahrheit, der darf hoffen, dass diese Wahrheit für ihn selber diese angedeutete Mission erfüllt. Mit Recht sagt ein großer englischer Dichter von der Wahrheit, andeutend ihre Sprödigkeit, andeutend die hohen Forderungen, die sie an uns stellt: [Demjenigen], der der Wahrheit etwas vorzieht, dem ergibt sich diese Göttin nicht. Wer sein Christentum stellt über die Wahrheit, wird bald bemerken, dass er seine besondere Konfession über das Christentum stellt. Wer aber seine besondere Konfession über das Christentum stellt, wird bald bemerken, dass er seine Sekte über die Konfession stellt. Und wer seine Sekte über die Konfession stellt, wird bald bemerken, dass er seine persönliche Willkür auch über das Bekenntnis seiner Sekte stellt. So sagt der Dichter Coleridge. Die Wahrheit ergibt sich nur demjenigen, der wiederum bereit ist, sich ihr ganz hinzugeben. Nun aber treffen wir diese Wahrheit in uns selber in einer doppelten Gestalt. Das Ich macht seine zwei Seiten, die wir charakterisiert haben, gar wohl geltend gegenüber dieser Wahrheit. Wenn wir diese zwei Seiten des Ichs charakterisieren wollen, dann müssen wir dasjenige, wie sich die Wahrheit aus der Welt dem Ich darbietet, vor unsere Seele hinstellen.

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Cite: GA 68c/1909-12-06/p016 · edition original