{"corpus":"steiner","locus":"GA 68c/1909-12-06/p017","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Wir blicken in die Welt hinein. Die Welterscheinungen bieten sich unseren Sinnen, das heißt unserer Empfindungsseele an. Derjenige, der sich Begriffe, Ideen, Vorstellungen über die Welt machen will und nicht glauben will, dass diese Welt nach Begriffen, Ideen, Vorstellungen gebaut ist, der mag nur gleich zugeben, dass man aus einem Glas, in dem kein Wasser ist, Wasser herausschöpfen könne. So unsinnig es wäre, dies zu behaupten, so uns innig ist es, zu glauben, dass man aus einer Welt, in der keine Ideen, keine Begriffe sind, herausschöpfen könne dasjenige, was wir dann in der Seele haben: Ideen und Begriffe von der Welt. Eine Welt, die nicht nach Ideen gebaut wäre, die nicht weisheitdurchtränkt wäre, die könnte niemals in der menschlichen Seele ein Spiegelbild hervorrufen, das als Innenerlebnis Begriffe und Ideen von dieser Welt darstellt. Denn was wären unsere Begriffe und Ideen, durch die die Gesetzmäßigkeit der Welt in uns erlebt werden soll, was wäre alle Wissenschaft, wenn die Welt nicht nach Ideen gebaut wäre? Phantasterei, Träumerei wäre alle Wissenschaft; denn die Wissenschaft ist eine Summe von Ideen und Begriffen. Lägen nicht Ideen und Begriffe, mit anderen Worten: Läge nicht Weisheit in der Welt, wäre die Welt nicht durchwoben und durchzogen von Weisheit, dann wäre unsere Weisheit Torheit; denn sie wäre eine reine Phantasterei, ein reiner Irrtum. Wir würden uns in unserer Seele etwas vorstellen als ein Bild der Welt, das ganz willkürlich aufgebaut ist. Einen Sinn hat es nur, mit Hilfe der Begriffe und Ideen ein Bild sich von der Welt zu machen, wenn man voraussetzt, dass in der Welt diese Begriffe und Ideen da sind und dass die Dinge selber, die unseren Sinnen sich darbieten, heraussprießen und hervorwachsen aus der Weltenweisheit, aus der durch die Welt fließenden und strömenden Weisheit. So sagen wir uns: Hinter dieser Welt, die wir einfließen lassen durch unsere Sinne, die wir fühlen und begehren durch die Empfindungsseele, hinter dieser Welt ist Weisheit. Und wir suchen uns dieser Weisheit dadurch wiederum zu nähern, dass wir uns in unserer Seele selbst lebend heraufarbeiten zu demjenigen, was unsere Verstandesseele innerlich als Wahrheit erkennen lässt. Weisheit ist da in der Welt; Weisheit arbeitet sich heraus in unserer eigenen Seele, indem wir aufsteigen zur Verstandes- und zur Bewusstseinsseele. Wenn wir uns aber zu dieser Weisheit in der Welt stellen, dann müssen wir sagen: Oh, diese Weisheit, sie ist der Welt eingebaut, eingegliedert. Wir Menschen stehen sozusagen dieser Welt als nachträgliche Betrachter gegenüber und erforschen die ihr eingepflanzte Weisheit. [Ein großer Teil unseres Strebens in der Erlangung des Wissens besteht darin, dass wir uns das aneignen, was die Welt durchpulst und durchlebt als Weisheit.] Wenn wir die Weisheit, die die Welt durchströmt, als Wahrheit in uns aufglänzen lassen, so sind wir da so recht diejenigen, die hinterher kommen. Und auch wenn wir die Menschheitsentwicklung betrachten, [so zeigt diese uns, wie der Mensch mit alle seinem Tun und Treiben, mit seinen Erfindungen, hinter den bereits errungenen Tatsachen der Umwelt mit ihrer Weisheit zurücksteht]. So können wir sagen: Ein genauerer Blick in die Menschheitsentwicklung zeigt uns sehr bald, wie der Mensch sozusagen hinter der Weisheit der Welt mit seiner Wahrheit steht. Man überblicke einmal die geschichtliche Entwicklung der Menschheit. In den Schulbüchern kann man es lesen, wie die Menschen allmählich dazu gekommen sind, aus gewissen Substanzen sich das herzustellen, was wir Papier nennen. Papier herzustellen durch die menschliche Weisheit haben die Menschen gelernt. Ganz so, wie der Mensch aus gewissen Substanzen sich sein Papier macht, so wird das Papier des Wespennestes gemacht — denn das Wespennest besteht aus Papier, das Wespennest zeigt die Kunst, Papier zu bereiten, die durch unzählige Jahrhunderte als Weisheit draußen in der Natur vorhanden war und die der Mensch in seiner geschichtlichen Entwicklung hinterher gefunden hat. Da ist der Mensch so recht der Nach-Denker dessen, was draußen vorgedacht ist. Ein großer Teil unseres Strebens in der Erlangung des Wissens besteht darin, dass wir die Weisheit der Welt nachdenken, dass wir uns aneignen in uns selber, was die Welt durchpulst und durchlebt als Weisheit. Indem wir uns so gegenüber der Welt stellen, dass wir ihre Weisheit in uns aufglänzen lassen, fühlen wir eben in der innersten Wesenheit unseres Ichs, dass wir erstarken, dass wir uns mit der Substanz, die draußen als geistige Substanz ist, der Welt gegenüberstellen. Wir erstarken, indem die Weltenweisheit als Wahrheit in unserem Ich wiederum aufglänzt. Diese Wahrheit, die der Weltenweisheit nachgedacht ist, die entspricht so recht der einen Seite unseres Ichs, nämlich derjenigen Seite, die wir nennen können die selbstlose Seite. Denn alles dasjenige, was wir so über die Welt denken, das ist ja ohne unser Ich da, das ist längst da gewesen, bevor wir es denken konnten. Wir erleben im Erfassen der Weltenweisheit etwas, was außer unserem Ich ist. Wir strömen sozusagen unser Ich in die Welt hinaus: Wir sind ganz Welt, wir sind ganz hingegeben an die Welt, ganz selbstlos, indem wir die Weisheit der Welt in uns aufleben lassen. Dadurch machen wir uns selbstlos, dass wir ganz hingegeben, objektiv hingegeben sind an die Weisheit der Welt, die als Licht der Wahrheit in uns selber aufglänzen soll. Das ist die eine Seite der Wahrheit.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"XXXI. Die Mission der Wahrheit","site_heading":null,"date":"1909-12-06","location":null,"word_count":850,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68c/1909-12-06/p017","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68c/1909-12-06/p017"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/68c/1909-12-06/p017","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. 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