{"corpus":"steiner","locus":"GA 68c/1909-12-06/p020","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Versuchen wir uns das an einem Beispiel klarzumachen. Es wurde schon angeführt, dass es der Theosophie obliegt, den Satz hinzustellen: Seelisch-Geistiges entsteht nur aus Seelisch-Geistigem, so wie Redi für ein anderes Gebiet den Satz zuerst hingestellt hat: Erwas Lebendiges entsteht nur aus Lebendigem. Wir haben gesehen, dass dieser Satz hervorgeht aus demjenigen, was wir nennen die Erkenntnis der wiederholten Erdenleben des Menschen. Die Art und Weise, wie durch die Geistesforschung erkannt wird, dass der innerste Wesenskern des Menschen sich wiederverkörpert, ist nicht durch logische Schlüsse herbeigeführt, sondern eine unmittelbare Erkenntnis des hellsichtigen Bewusstseins. So wie der mit physischen Augen begabte Mensch Farbe und Licht sieht, so nimmt der Mensch, welcher die inneren, verborgenen Kräfte der Menschenseele entwickelt hat, denjenigen Wesenskern des Menschen wahr, den wir als den unsterblichen bezeichnen können, der in dem Menschen lebt und der sich selber dem hellsichtigen Bewusstsein darstellt, der da kommt aus vorherigen Verkörperungen und der da geht zu künftigen Verkörperungen. Also, durch übersinnliche Erkenntnis ist dasjenige gegeben, was wir hier in Begriffe kleiden von der Wiederverkörperung des menschlichen Wesenskernes. Da kommt also der Geistesforscher und sagt: Ich habe durch meine Forschung herausgebracht, dass der Mensch Wiederverkörperungen durchmacht; er schildert die Wiederverkörperung, er bringt das in Begriffe, wie die moderne Naturwissenschaft die sinnliche Anschauung und Verstandeserrungenschaften in Begriffe bringt. Mit diesen Begriffen tritt er vor die Menschen hin. Durch äußere Wahrnehmung kann eine solche Erkenntnis nicht gefunden werden; sie muss gefunden werden durch übersinnliches Schauen, durch Entwicklung derjenigen Organe, die man Geistesaugen, Geistesohren nennt. Dann aber, wenn sie so gefunden ist, dann kann sie in Begriffe, in Gedanken, in Formen gebracht werden, die wir die Formen der Wahrheit nennen. Also, wir haben damit eine Wahrheit vor uns, die sich ausdrückt so wie etwas, was nicht durch äußere Wahrnehmung gewonnen werden kann. Ein gegenüber der äußeren Wahrnehmung Vorgedachtes haben wir. Gerade so wie der Gedanke, wie die Idee der Maschine lebt in dem Kopfe des Erfinders, ohne dass er sie äußerlich sieht, so lebt der Gedanke der Wiederverkörperung als ein Resultat der Forschung in der geistigen Welt, so lebt er in dem Kopfe des Geistesforschers, dann aber tritt die Mitteilung vor die Welt hin, dann können wir den Blick in die Außenwelt richten und sagen: Wir sehen, wie sich [zum Beispiel das Kind] von dem ersten Tage eines Menschen an [allmählich] aus den unbestimmten, verschwommenen Gesichtszügen herausentwickelt zu bestimmten Formen, [zu einer festen Physiognomie], was in einem dunklen Untergrund des Daseins schlummert. Da sehen wir die bestimmten Formen sich herausbilden. Und wir sagen uns: Nach dem, was uns der Geistesforscher sagt, können wir das leicht verstehen. Das aus früheren Verkörperungen Herübergekommene ist der Wesenskern des Menschen, [der im Kinde sich von Neuem auslebt und aus einem früheren Leben kommt], der arbeitet aus, was unbestimmt war, zu bestimmten Formen. Wir sehen die ganze Entwicklung uns an und sagen: Wenn wir hinsehen auf das Leben und das Leben prüfen, dann zeigt uns dieses Leben selber in seinen Erscheinungen die Bewahrheitung dessen, was der Geistesforscher sagt; und nur die Befangenheit kann dem Menschen den Blick so trüben, dass er an der äußeren sinnlichen Erscheinung nicht bewahrheitet finden würde, was der Geistesforscher herunterholt als Vorgedachtes aus den höheren Welten. So holt dieser seine Wahrheiten herunter aus den höheren Welten, so hält er sie entgegen der äußeren Wahrnehmung, und was uns da in der Außenwelt entgegentritt, das bietet uns die Beweise für die Wahrheiten aus den höheren Welten dadurch, dass wir die Außenwelt dann verstehen. Wir dringen unter die Dinge hinunter mit dem, was wir denselben als Wahrheiten entgegenbringen. So stimmt das Vorgedachte mit der Außenwelt überein wie die Idee des Erfinders mit der fertigen Maschine. So ist vereint in den Wahrheiten, die die Theosophie darbietet, was sonst getrennt ist. Da haben wir sozusagen nichts hinter uns. Die theosophische Wahrheit ist nicht gefunden wie die Idee eines Erfinders — in gewisser Beziehung aus dem Nichts heraus geschaffen —, sie ist gefunden durch Beobachtung in der geistigen Welt. Lässt sich aber anwenden auf die äußere sinnliche Welt. Diese theosophische Wahrheit ist zu gleicher Zeit ein Vorgedachtes und zu gleicher Zeit ein Nachgedachtes. Daher wirkt sie in ganz anderer Weise auf die menschliche Seele als alles andere, was sonst an Wahrheiten uns entgegentritt. [Durch die Aufnahme dieser Wahrheit entfesselt der Mensch sein Ich.]","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"XXXI. Die Mission der Wahrheit","site_heading":null,"date":"1909-12-06","location":null,"word_count":710,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68c/1909-12-06/p020","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68c/1909-12-06/p020"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/68c/1909-12-06/p020","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. 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