XXXI. Die Mission der Wahrheit
Dadurch, dass der Mensch sich in die Weisheit der Welt vertieft, dadurch entselbstet er sich, dadurch wird sein Ich ein solches, das sozusagen immer mehr und mehr ausfließt; es verarmt an innerer Kraft. Dadurch, dass der Mensch in seinen täglichen Verrichtungen vordenkt, Anspruch macht darauf, dass das Vorgedachte sich umsetzt in äußere Wirklichkeit, dadurch will er sein Ich aufprägen der äußeren Welt, dadurch will er in seiner Umgebung immer mehr und mehr dasjenige sehen, was sein Selbst will; er will sein Selbst aufprägen seiner Umgebung. Damit ist er ganz in der Selbstheit darinnen, damit hat er ein Interesse geschaffen, dieses Ich, ganz abgesehen von der Umwelt, so stark zu machen als möglich. So können wir zwei Möglichkeiten einer IchAusbildung sehen. Die eine ist diese, dass das Ich ein ganz nachdenkliches wird, wo es ganz hingegeben ist an die äußere Welt, wo es immer selbstloser und selbstloser hingegeben ist an die äußere Welt, wo es in seiner Kraft nicht erstarkt. Die andere ist die, wo das Ich nicht bloß sich anfüllt von Ideen der Außenwelt, sondern erfüllt sein soll vom Willen. Im ersten Fall kann das Ich am Willen veröden. Wir können die Erfahrung machen, dass solche Menschen, die in der gewissenhaftesten Weise die objektive Wahrheit aufnehmen, schwach an Willen sind. Auf der anderen Seite können wir die Erfahrung machen, dass diejenigen Menschen, die einzig und allein ihren Willen der Umwelt aufprägen wollen, verschlossen werden gegenüber dem, was in der Außenwelt vorgeht, gegenüber dem, was ihr Interesse erwecken sollte an weisheitsvollem Gehalt der Welt. So sehen wir sozusagen das denkende Ich bei denjenigen Menschen ausgebildet, die auf die erste Art sich entwickeln, und das wollende Ich bei denjenigen, die auf die zweite Art sich entwickeln. Harmonisches Zusammenwirken aber des denkerischen Ich und des wollenden Ich, das können wir erreichen, wenn wir die geisteswissenschaftlichen Wahrheiten in uns wirken lassen. Da werden die beiden wohltätigen Kräfte im Ich erwachen, da wird das Ich auf der einen Seite in sich einströmen lassen allen Gehalt der Welt, aus dem es selber herausgeboren ist, wird sich innerlich reich machen durch das, was in die ganze Welt als deren geistiger Gehalt ausgegossen ist; da wird es auf der anderen Seite in sich selber sich zusammenfassen, um in sich stark zu werden. Dadurch wird das Ich weder nach der einen noch nach der anderen Seite verarmen, sondern kräftig und gesund werden nach beiden Seiten hin. Und das ist das Gesundende der theosophischen Wahrheit, dass sie auf der einen Seite in gleicher Weise gewonnen ist wie die nachdenkliche Wahrheit, und dass sie auf der anderen Seite wirkt wie die vorgedachte Wahrheit. Daher ist sie gesundend, weil sie auf der einen Seite in uns hineingießt alle Schönheit der Welt, und auf der anderen Seite unser Ich so blühend und fruchtbar macht, weil sie ermöglicht, dass dasjenige, was in dem Ich wächst, sein Spiegelbild findet an den äußeren Erscheinungen. Durch die theosophische Wahrheit bringen wir unser Ich so sehr zur Entwicklung, weil sie diejenige Wahrheit ist, die zu gleicher Zeit eine vorgedachte und eine nachgedachte ist. Das ist das Gesundende der theosophischen Wahrheit. Während wir bei einem Menschen, der nur ein nachdenklicher Mensch wäre, der nur die Weisheit der Welt umfassen wollte, sehen würden, dass er unter Umständen immer mehr und mehr sich selber lähmen kann an Willenskraft und ihn deshalb innerliches Schwachsein durchdringt, dass er innerlich erkrankt am Mangel solcher Kraft, würden wir auf der anderen Seite sehen, dass derjenige, der nur seinen Willen verwirklichen will, innerlich verarmt, weil er keinen Zusammenhang hat mit der Welt. Dagegen sehen wir beim Theosophen nach allen Seiten hin Harmonie herrschen. Der Gedanke verdichtet sich dadurch, dass er erfasst wird von der Zuversicht der Verwirklichung. Kurz, es wird das Ich dadurch, dass es sich mit der theosophischen Wahrheit durchdringt, zum Durchgangspunkt für die Weisheit. Da wird der Wille erleuchtet und auf der andern Seite zum wahren Mittelpunkt dadurch, dass er die vorgedachte Wahrheit mit der nachgedachten Wahrheit gegenüber der Welt hat. Das wird die Menschheit nach und nach erkennen, dass der Wille, der uns so trocken und so nüchtern erscheinen kann bei demjenigen, der ihn bloß umgesetzt haben will in äußere Wirklichkeit, herauf sich erwärmt zu lebendigen Gefühlen, weil er in unserem Ich sich begegnet mit der Weisheit der Welt; und wiederum, dass uns diese Weisheit, die uns so trocken erscheinen kann bei dem bloß nachdenklichen Betrachten der Welt, individuell anmuten kann, wenn sie sich im Ich begegnet mit dem lebendigen Willen. Weisheit und Wille müssen sich im Ich treffen. Das ist das Gesundende, das Lebenskräftigende jener Wahrheit, dass wir nicht nur Verstandesseele — oder Gemütsseele - sondern Gemüt-durchsetzte Verstandesseele und Verstand-durchsetzte Gemütsseele in den höheren Seelengliedern, in der Verstandesseele, erzeugen, dass es durch die Natur des Ichs diese zwei Seiten, sich der Wahrheit zu nähern, gibt.
Cite:
GA 68c/1909-12-06/p021 · edition original