{"corpus":"steiner","locus":"GA 68c/1909-12-06/p022","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Das hat vor allen Dingen in neuerer Zeit keiner so tief gefühlt als derjenige, von dem wir hier schon öfter gesprochen haben, der der Geisteswissenschaft so nah als möglich gestanden hat, der die größten dichterischen Werke geschaffen hat, als Goethe. Und wie eine Illustration zu dem Gesagten soll uns heute dienen ein Werk des späteren, älteren Goethe. Oh, Goethe wusste klar und deutlich, dass die Art und Weise, wie sich der Mensch der Wahrheit gegenüberstellt, davon abhängt, wie er in seinem Ich selber sich ausgestaltet hat. Dass die Wahrheit bloß etwas objektiv Zwingendes ist, das war niemals Goethes Gedanke, dass die Wahrheit den Menschen umso mehr erleuchtet, je mehr er ihr Empfänglichkeit entgegenbringt, das war seine Grundüberzeugung, das wird heute wenig verstanden. Da kommen die Leute und sagen: Ach, über eine gewisse Art, die Wahrheit zu erfassen, sind wir längst hinaus. Die Wissenschaft hat uns dahin geführt, dass wir nicht umhinkönnen, daran zu zweifeln, dass etwas Geistiges in einem Lebewesen drinnen ist. [Die Wissenschaft hat uns gründlich ausgetrieben, hinter jedem Materiellen etwas Geistiges zu suchen.] Sie hat uns ausgetrieben den Glauben an etwas wie einen Ätherleib oder eine Lebenskraft, denn diese Wissenschaft ist nahe daran, zu zeigen, wie die lebendige Substanz sich zusammensetzen lässt aus äußeren chemischen Bestandteilen. Hören Sie nicht überall, dass uns gesagt wird: Wir können nicht solche Phantasterei anerkennen, wie die Theosophie sie zeigt, denn wir haben das Ideal, im Laboratorium aus toter Materie Eiweiß, das heißt Lebendiges herzustellen. Darf da vielleicht einmal eine Gegenfrage gestellt werden? Kann denn nach der ganzen Entwicklung des Menschen dasjenige etwas entscheiden, was er erwartet über die Zusammensetzung eines Lebewesens? Kann das für seine Bekenntnisse zum Geist der Welt etwas entscheiden? Wer nachdenken will, der kann einen äußerlichen Beweis dafür finden, dass gar nichts entschieden wird über das Bekenntnis zum Geist durch so etwas wie die Erwartung, man könne einmal im Laboratorium auf chemischem Wege Eiweiß herstellen. Das eine zwingt gar nicht zum anderen, das kann man geschichtlich beweisen. Fragen Sie einmal, was noch ganz anderes geglaubt worden ist, was zum Beispiel die Menschen in früheren Jahrhunderten, im Mittelalter etwa, geglaubt haben, die haben nicht bloß geglaubt, dass es ihnen gelingen werde, aus Kohlenstoff, Wasserstoff, Stickstoff und so weiter Eiweiß zusammenzustellen, die haben noch etwas ganz anderes geglaubt. Vergegenwärtigen Sie sich die Sätze im Goethe’schen Faust, wo Wagner vor der Bereitung des Homunculus steht; das zu können war ein Glaube, der im Mittelalter vorhanden war. Die Leute haben geglaubt, dass sie aus äußeren Substanzen durch die verschiedenen Verrichtungen, die sie machten im Laboratorium, so etwas herstellen könnten, was ein kleines Menschlein ist. Dieser Glaube, dass sie aus äußeren Substanzen einen Menschen herstellen können, hat aber diese Menschen gar nicht dazu veranlassen können, den Geist abzuleugnen. Daher rührt es gar nicht aus dem Zwang der objektiven Tatsachen her, dass heute der Geist verleugnet wird, sondern von der Unfähigkeit [den Geist zu erfassen], in dem eigenen Seeleninneren sich aufzuschwingen zu derjenigen Vorstellungsart, welche einsieht, welches die Bedingungen sind, sich zum Geist zu bekennen. Solche Dinge muss man auch ins Auge fassen, dann wird man verstehen, was es hieß, dass nur derjenige das Leben der Seele erfassen kann, der in der Seelen-Substanz so zu arbeiten versteht wie der äußere Naturforscher in der äußeren Substanz.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"XXXI. Die Mission der Wahrheit","site_heading":null,"date":"1909-12-06","location":null,"word_count":540,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68c/1909-12-06/p022","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68c/1909-12-06/p022"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/68c/1909-12-06/p022","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}