XXXI. Die Mission der Wahrheit

GA 68c/1909-12-06/p028 ·1909-12-06 · original (original)
Record: unknown. How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.

Dieses Urteil verspürt man in seiner Berechtigung gegenüber den philiströsen Goethe-Beurteilern, die Goethe zu demjenigen machen, was sie eben selber sind — es kommt schon etwas Rechtes dabei heraus! Gerade in neuerer Zeit ist unser Publikum überschwemmt worden mit solchen Goethe-Deutern. [Sehen wir uns das Werk im Sinne unseres heutigen Themas näher an:] «Pandora» enthält in großem Stile das Problem vom nachdenklichen und vom vordenklichen Menschen — [Epimetheus gehört zu der ersteren, Prometheus zu der letzteren Art]. Zeus hat der sich fortentwickelnden Menschheit das Dasein nehmen wollen. Unter des Zeus Herrschaft wäre die Menschheit dem völligen Untergang geweiht gewesen. Prometheus tritt dem Zeus entgegen. Er bringt nach der Sage dem Menschen das Feuer, auch die Sprache, die Schrift. Er ist es dadurch, der den Menschen die Möglichkeit gibt, aus dem Zustand, in dem sie früher waren, wo das Ich dumpf unten brütete in der Empfindungsseele, heraufzukommen. Immer mehr und mehr zur Entfaltung des Ichs sollte der Mensch kommen. Es ist eine richtige Beobachtung, dass alles, was zum Beispiel mit dem Feuer zu tun hat, in irgendeinem Zusammenhang steht mit dem menschlichen Vordenken. Reisende beschrieben es, wie in Gegenden, in die sie gekommen sind, in denen sie sich Feuer gemacht haben, die Affen zum Beispiel gekommen sind und sich gewärmt haben, wie es den Affen aber gar nicht eingefallen ist, das Feuer selber zu schüren; das heißt, diese Tiere höchststehender Art bringen es nicht dahin, die Zukunft vorzudenken. [Diese höheren, dem Menschen am nächsten stehenden Tiere fühlten wohl das Angenehme des wärmenden Feuers, sie fühlten vielleicht auch in dumpfer Form eine Art von Gedanken, aber sie kamen trotzdem nicht dazu, den Gedanken so weit auszudenken, dass sie da Feuer durch Auflegen von Holz weiter unterhielten, noch viel weniger dazu weitere Nutzanwendung vorzudenken.] Gerade dadurch, dass der Mensch das Element des Feuers beherrscht, ist er fähig gemacht worden, sein Ich zum Ausgangspunkt des Vordenkens zu machen, [um dadurch allmählich sein Ich auf eine höhere Stufe in immer steigendem Maße hinaufzuführen].

Read this passage in another edition
DEoriginalENEnglish
Raw JSON: /v1/steiner/de/ga/68c/1909-12-06/p028.json
Cite: GA 68c/1909-12-06/p028 · edition original