{"corpus":"steiner","locus":"GA 68d/1907-01-10","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1907-01-10","ga":"68d","lecture":"1907-01-10","lecture_number":null,"title":"8. Die Erziehung des Kindes vom Standpunkte der Geisteswissenschaft","site_heading":null,"date":"1907-01-10","location":null,"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"passage_count":46,"word_count":5213,"translation_credit":null,"witnesses":[{"lang":"de","edition":"original","is_original":true,"is_default_edition":true,"first_passage":1,"last_passage":46,"passage_count":46,"word_count":5213},{"lang":"en","edition":"English","is_original":false,"is_default_edition":true,"first_passage":1,"last_passage":46,"passage_count":46,"word_count":5457,"completeness":{"ratio":1.05,"band":"comparable","note":null}}],"record":{"record_type":"mixed_sources","scope":"volume","note":"This volume draws on more than one kind of record (transcripts, notes, documents). Check the volume's own front matter before weighing a single passage.","evidence":"Vorträge aus den Jahren 1905 bis 1909 in Form von ausführlichen Mitschriften, Zuhörernotizen und Zeitungsreferaten","evidence_translation":"Lectures from the years 1905 to 1909 in the form of detailed transcripts, listeners' notes and newspaper reports","evidence_source":"The publisher's description of the volume, as mirrored on AnthroWiki (GA 68d). The translation is the maintainer's, not a published one."},"passages":[{"locus":"GA 68d/1907-01-10/p001","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1907-01-10/p001","passage_number":1,"word_count":8,"text":"## GA 68d — 10 January 1907, Berlin"},{"locus":"GA 68d/1907-01-10/p002","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1907-01-10/p002","passage_number":2,"word_count":10,"text":"### 8. 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Es wäre ein ziemlich müßiges Wissen um die höheren Welten, wenn man es nicht praktisch verwerten, nicht aufs Leben anwenden wollte. Denn niemand kann das Leben verstehen, der nicht die tieferen Kräfte kennt, die ihm zugrunde liegen. Diese Kräfte liegen nicht an der Oberfläche, sie liegen in der Tiefe verborgen. Wie Eisen zunächst, wenn man es von außen als eine Substanz ansieht, nicht verrät, dass es Elektrizität in sich enthält, die sich erst durch Reiben bemerkbar macht, wie diese Kräfte im Eisen schlummern und erst aus ihm herausgeholt werden müssen, so auch müssen wir wissen, dass es höhere Kräfte, geistige Wesenheiten gibt, die hinter der sinnlichen Welt wirken. Wollten wir am Fortschrittsdienst der Menschheit arbeiten, ohne diese verborgenen Wirklichkeiten zu kennen, so könnte das nur ein oberflächliches Arbeiten sein. Ersprießliche Arbeit ist nur dann möglich, wenn wir die tiefer liegenden Kräfte und Wesenheiten erforschen."},{"locus":"GA 68d/1907-01-10/p004","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1907-01-10/p004","passage_number":4,"word_count":150,"text":"Klar müssen wir auch erkennen die Ziele unserer Arbeit. Wofür arbeitet der Mensch? Für die Zukunft! Nichts liegt aber im Schoße der Zukunft, was nicht schon in der Gegenwart vorhanden wäre. Sehen wir die Pflanze an. Sie trägt noch keine Blüten, noch keine Früchte. Die bringt sie erst in der Zukunft hervor. Doch die Kräfte zu diesen Blüten, zu diesen Früchten, die ruhen schon in der Pflanze. In ihr ist schon vorgebildet auf unsichtbare Art, was in der Zukunft vor sich gehen wird. Und nur weil sich der Mensch in der Regel erinnert, wie ähnliche Pflanzen Blüten und Früchte getragen haben, kann der Mensch sagen, dass diese Pflanze so und nicht anders blühen, so und nicht anders Früchte tragen wird. Könnte der Mensch aber hineinschauen in das Innere der Pflanze, dann könnte er die Kräfte schauen, die in der Pflanze wirken und gerade jene Blüten und jene Früchte erzeugen werden."},{"locus":"GA 68d/1907-01-10/p005","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1907-01-10/p005","passage_number":5,"word_count":128,"text":"Etwas gibt es, was in der Zukunft ruht und was man nicht wissen kann, dessen Entwicklung man nicht vorhersehen kann, und das ist der Menschheitskörper. Was einstmals da sein wird in der physischen Welt, das ruht heute schon in der Menschheit, wie in der Pflanze die Blüte und die Frucht schon ruht. Wenn wir nicht fähig sind, hinunterzutauchen in das, was heute im Schoß der Menschheit schlummert, können wir nicht zu Herrschern werden über die Kräfte, die erst in der Zukunft sich entfalten werden. Wer da mitarbeiten will an der Entwicklung der Menschheit, der wirkt dadurch auf etwas, was noch nicht dagewesen ist, und wer das treffen will, der muss unter die Oberfläche hinuntersteigen. Die theosophische Weltanschauung muss sich diese Aufgabe stellen, muss sie in der Praxis ausführen."},{"locus":"GA 68d/1907-01-10/p006","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1907-01-10/p006","passage_number":6,"word_count":133,"text":"Auf keinem Gebiete nun zeigt sich das eminent Praktische der theosophischen Weltanschauung mehr als auf dem Gebiet der Erziehung des Kindes. Im Kinde haben wir täglich sozusagen vor uns das Rätsel, das in der Zukunft verborgen liegt. Und täglich haben wir das Rätsel von Neuem zu lösen. Denn das Kind von sieben Jahren ist nicht dasselbe Kind, das es mit sechs Jahren war, und das von vierzehn oder sechzehn Jahren nicht dasselbe wie ein zwölfjähriges. Erst wenn wir im Einklang sind mit den tiefen Kräften, die im Verborgenen wirken, erst dann können wir herantreten an die zahlreichen Fragen auf dem pädagogischen Gebiet, die so brennend sind für die Menschheit von heute. Eine wirkliche Orientierung in allen diesen Fragen wird erst dann möglich sein, wenn die theosophische Anschauung den Verstand der Menschen beherrschen wird."},{"locus":"GA 68d/1907-01-10/p007","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1907-01-10/p007","passage_number":7,"word_count":146,"text":"Heute wollen wir die Mission, welche die Theosophie in der modernen Kultur hat in Bezug auf die Erziehungsfragen, ein wenig näher betrachten. Dazu ist es nötig, dass wir das ganze Gefüge der menschlichen Natur kennen. Wir wissen, dass im Sinne der Geisteswissenschaft der Mensch ein kompliziertes Gebilde ist. Der materielle Körper ist für den, der tiefer hineinschaut, nur ein Teil der menschlichen Wesenheit. Dieser physische Körper vereint in sich ganz dieselben Stoffe, wie sie in der äußeren Natur auch vorhanden sind. Im Körper des Menschen sind sie vereint in höchst komplizierter Wechselwirkung. Die Naturwissenschaft sagt uns: Wenn wir eine Maschine betrachten, so sehen wir in ihr das Wirken der Stoffe, aus denen sie zusammengesetzt ist; betrachten wir aber ein lebendiges Wesen, so sehen wir kein bloßes Gefüge toter Stoffe, sondern einen Körper, der durchdrungen ist von Lebendigem, das die physischen Kräfte regelt, sie aufruft zum Leben."},{"locus":"GA 68d/1907-01-10/p008","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1907-01-10/p008","passage_number":8,"word_count":194,"text":"Dieses Lebendige bezeichnete eine frühere Wissenschaft als «Lebenskraft». Doch die heutige materialistische Wissenschaft behauptet, eine «Lebenskraft» gibt es nicht, die Stoffe entwickeln in sich selbst das Leben. Immerhin kommt man in neuerer Zeit bereits schon wieder zurück von diesem Standpunkt. Man sieht, dass man doch mit dieser Theorie nicht weit kommt, dass man doch rechnen muss mit einer Art Lebenskraft, um das Lebendige zu erklären. Aber auch in diesem Sinne der neueren Naturwissenschaften spricht die theosophische Anschauungsweise nicht, wenn sie von dem zweiten Glied des Menschen, dem Äther- oder Lebensleib, spricht. Sie beschäftigt sich nicht mit dem bloßen Theoretisieren, sie spekuliert nicht, sondern ihr Weg ist der, im Menschen selbst das höhere Schauen zu entwickeln. So wie für den Menschen andere Wesenheiten auf der Welt nur vorhanden sind, wenn der Mensch die Organe besitzt, um diese Wesenheiten wahrzunehmen, so wie er Licht und Farbe nur wahrnimmt, wenn er das Auge dafür besitzt, so wie er Töne nur wahrnimmt, wenn er das Ohr dafür besitzt, so sind für den Menschen die höheren Wesenheiten nur vorhanden, wenn er Organe, um sie wahrzunehmen, in sich entwickelt hat durch die Schulung, von der öfters hier die Rede war."},{"locus":"GA 68d/1907-01-10/p009","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1907-01-10/p009","passage_number":9,"word_count":137,"text":"Wenn es einen Menschen gäbe, der keine Augen besäße, dafür aber Organe, um zum Beispiel die Elektrizität wahrzunehmen, wenn ein solcher Mensch die Kräfte arbeiten sehen könnte, die das Licht hier im Saal entzünden, die draußen in den telegrafischen Leitungen hin und her spielen, wie ganz anders würde sich die Welt für einen solchen Menschen ausnehmen! Mit jedem neuen Organ entstehen neue Welten für den Menschen, und in ihm liegen schlummernd die Organe, die ihm die höheren Welten wahrnehmbar machen. Sie können entwickelt werden. Niemand kann mit Recht behaupten, es könne solche Welten nicht geben. Es würde ebenso sein, wenn er sagen würde, es gibt keine höheren Welten, weil ich sie nicht sehen kann, es würde dasselbe sein, als wenn der Blinde von der Farbe sagen wollte, es gibt sie nicht, weil er sie nicht wahrnehmen kann."},{"locus":"GA 68d/1907-01-10/p010","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1907-01-10/p010","passage_number":10,"word_count":68,"text":"Ist der Mensch aber durch die Schulung entwickelt, dann ist der Ätherleib für ihn eine Erfahrung; er kann ihn dann sehen. In seiner Größe ist er fast ebenso wie der physische Leib. Man stellt sich den Ätherleib oft vor wie aus einem feineren Stoff, aus einer Art von Nebel bestehend, doch das ist nicht der Wirklichkeit entsprechend. Er besteht vielmehr aus Kräften und Strömungen geistiger Art, die zusammenwirken."},{"locus":"GA 68d/1907-01-10/p011","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1907-01-10/p011","passage_number":11,"word_count":52,"text":"Das dritte Glied, der astralische Leib, unterscheidet sich von dem Ätherleib dadurch, dass, während in Letzterem die Kräfte des Wachstums, der Fortpflanzung und so weiter arbeiten, es das Wesen des astralischen Leibes ist, dass er empfindet, Bewusstsein hat. Der astralische Leib ist der Träger von Lust und Leid, von Begierden und Leidenschaften."},{"locus":"GA 68d/1907-01-10/p012","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1907-01-10/p012","passage_number":12,"word_count":48,"text":"Über diese drei Glieder hinausgehend ist das, was den Menschen zur Krone der irdischen Schöpfung macht: das selbstbewusste Ich, der Mittelpunkt der menschlichen Wesenheit, die innerste Kraft im Menschen. Wenn wir also einen voll entwickelten Menschen vor uns haben, haben wir ein Gebilde von vier Gliedern vor uns."},{"locus":"GA 68d/1907-01-10/p013","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1907-01-10/p013","passage_number":13,"word_count":98,"text":"Nun versteht man aber als Erzieher zu wirken nur dann, wenn man diese Gliederung des Menschen richtig versteht, wenn man weiß, dass sie nicht die gleiche Rolle spielt beim eben geborenen Kinde wie beim Kinde von sieben oder vierzehn Jahren, wenn man weiß, dass die Entwicklung dieser Glieder eine verschiedene ist auf jeder Altersstufe des jugendlichen Menschen. Erst wenn man alles das weiß, kann man das Rätsel lösen, das uns das Kind Tag für Tag aufgibt. Und verstehen lernen wir alles das am besten, wenn wir davon ausgehen, dass wir sehen, wie der Mensch vor seiner Geburt lebt."},{"locus":"GA 68d/1907-01-10/p014","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1907-01-10/p014","passage_number":14,"word_count":126,"text":"Vor der Geburt des Kindes haben wir den physischen Leib des Kindes eingeschlossen, umschlossen vom Leibe der Mutter. Nichts kann herandringen an das Kind, ohne den Leib der Mutter zu passieren. Kein Lichtstrahl, keine äußeren Einwirkungen treffen das Kind direkt. Es ruht umschlossen von einem andern Leib; ein physischer Leib ruht in einem andern. Die Geburt besteht darin, dass die physische Mutterhülle abgestreift wird. In diesem Augenblick aber wird für die geisteswissenschaftliche Anschauung noch nicht der ganze Mensch geboren, sondern nur der physische Leib. Die zweite Geburt findet nach und nach statt, nicht in einem einzigen Moment wie die physische, sie findet im Wesentlichen dann statt, wenn das Kind die Zähne wechselt. In diesem Zeitpunkt geschieht auf geistigem Gebiet etwas Ähnliches wie bei der physischen Geburt."},{"locus":"GA 68d/1907-01-10/p015","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1907-01-10/p015","passage_number":15,"word_count":152,"text":"Bis zum siebenten Jahre ist nämlich das Kind umgeben von einer Ätherhülle, ebenso wie es vor der physischen Geburt von einer physischen Hülle umgeben war, dem Mutterleib. Und so könnte man sagen: bis zum siebenten Jahre ist das Kind umgeben von einer Äthermutter. Wie man vor der physischen Geburt nicht an das Kind herankommen kann anders als durch den Leib der Mutter, genau ebenso wenig kann man vor dem siebenten Jahre an den eigentlichen Ätherleib des Kindes herankommen. Und ebenso wie man vor der physischen Geburt, wenn man das Kind pflegen will, die Mutter pflegen muss, so muss man auch, um den Ätherleib des Kindes zu pflegen und zu entwickeln, bis zum siebenten Jahre alles fernhalten, was ihm schaden könnte, und alles ihm zuführen, was seine Entwicklung fördern kann. Im siebenten Jahre wird die Ätherhülle zurückgedrängt, der Ätherleib des Menschen wird geboren, ganz ähnlich wie bei der physischen Geburt der physische Leib."},{"locus":"GA 68d/1907-01-10/p016","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1907-01-10/p016","passage_number":16,"word_count":67,"text":"Und später findet dann noch eine dritte Geburt statt, die Geburt des astralischen Leibes. Wenn der Mensch mit dem siebenten Jahre seine Ätherhülle abgestreift hat, hat er noch nicht seinen Astralleib voll ausgebildet, für den geistigen Seherblick ist er noch rings umgeben von einer äußeren astralischen Hülle. In diese ist er eingehüllt bis zur Geschlechtsreife; dann wird auch sie abgestreift: Der eigentliche Astralkörper des Menschen wird geboren."},{"locus":"GA 68d/1907-01-10/p017","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1907-01-10/p017","passage_number":17,"word_count":156,"text":"Dies alles muss der Erzieher wissen. Er muss wissen von der physischen, der ätherischen und der astralischen Geburt des Menschen, denn danach richten sich die einzelnen Erziehungsepochen ein. Er muss wissen, dass ebenso, wie es unsinnig wäre, an das physische Kind im Leibe der Mutter herandringen zu wollen, es auch unsinnig ist, durch die Erziehung bis zum siebenten Jahr an etwas herandringen zu wollen, das den Ätherleib betrifft, oder bis zur Geschlechtsreife an etwas, das den Astralleib angeht. Die Glieder des Menschen sind Träger ganz besonderer Seelenkräfte. Der physische Leib ist der Träger der physischen Sinnesorgane; der Ätherleib ist zunächst Träger der Wachstums- und Fortpflanzungskräfte. Doch das ist nicht alles, denn alle diese verschiedenen Leiber werden von innen heraus bearbeitet vom menschlichen Ich. Das wirkt von innen her. Und so stehen die Leiber des Menschen in besonderer Beziehung zu den Seelenkräften. So ist der Ätherleib der Träger des Gedächtnisses, aller bleibenden Gewohnheiten und Neigungen, des Temperaments."},{"locus":"GA 68d/1907-01-10/p018","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1907-01-10/p018","passage_number":18,"word_count":53,"text":"Verstandesbegriffe, Bilder der äußeren Gegenstände und so weiter finden wir im astralischen Leib. Wenn aber das Bild zugleich ein Sinnbild, ein Gleichnis ist, wenn es aufsteigt zu künstlerischem Vorstellen, wenn es produktiv wird in der Seele, dann ist der Träger der Ätherleib. Dasjenige, was wir Urteil, Kritik, Verstandestätigkeit nennen, hängt am astralischen Leibe."},{"locus":"GA 68d/1907-01-10/p019","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1907-01-10/p019","passage_number":19,"word_count":165,"text":"Wissen wir dies alles, dann werden wir es anwenden können in Bezug auf das Herauskommen dieser Glieder im Laufe der Entwicklung des Kindes. Wenn wir wissen, dass bis zum siebenten Jahr der Ätherleib eingeschlossen ist, so wissen wir auch, dass wir bis dahin nicht wirken dürfen auf das, was Eigenschaften dieses Ätherleibes sind. Erst dann, wenn dieser durch die zweite Geburt frei wird, dürfen wir erziehend auf ihn wirken. Es gibt ein Wort, das Licht verbreiten kann und als Grundprinzip für die Erziehung des Kindes bis zum siebenten Jahre gelten sollte. Aristoteles spricht dies Wort aus, wenn er sagt: Der Mensch ist der Nachahmer der Tiere. Nachahmen ist das, was dem Kinde eignet bis zum siebenten Jahr. Das Kind muss sehen, was es lernen soll, es muss es sehen und hören. Es muss in seiner Umgebung das da sein, was auf das Kind wirken soll. Es soll ihm nichts von heute auf morgen beigebracht werden, sondern vorzeigen, vorleben soll man ihm, was es nachmachen soll."},{"locus":"GA 68d/1907-01-10/p020","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1907-01-10/p020","passage_number":20,"word_count":189,"text":"Vorbild und Nachahmung, das sind die beiden Zauberworte für das Kind bis zum siebenten Jahre. Was für Lehren man ihm gibt, welche Grundsätze man hat, darauf kommt es nicht an, sondern nur auf das, was man tut in der Gegenwart des Kindes. Darauf allein kommt es an. Das Beispiel ist das eigentlich Wirksame. Hineingestellt in die physische Welt muss dasjenige werden, was das Kind sich aneignen soll. Man sollte womöglich vermeiden, etwas in das Kind hineinspielen zu lassen, was es nicht nachmachen soll. Tausend gute Lehren nützen dem Kinde in diesem Alter nichts, das Kind soll nachahmen, was es mit seinem physischen Leib auf der physischen Welt erlebt. Eine kleine Erzählung wird Ihnen zeigen, wie weit dieses Nachahmen gehen kann. Ein Kind von fünf Jahren, das bis dahin wohlerzogen war, nahm plötzlich Geld aus der Kassette der Eltern. Diese waren aufs Höchste bestürzt. Das Kind stahl also, und zwar gab es das Geld einem anderen Kinde. Die Eltern konnten nicht begreifen, wie ihr Kind zum Stehlen kommen konnte. — Die Erklärung ist einfach. Das Kind hat gesehen, wie die Eltern der Kassette Geld entnahmen, und hat es einfach nachgemacht."},{"locus":"GA 68d/1907-01-10/p021","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1907-01-10/p021","passage_number":21,"word_count":96,"text":"Wir sehen daraus, wie weit die Vermeidung alles dessen gehen muss, von dem man nicht wünscht, dass das Kind es nachahme, wenn es auch den Erwachsenen gestattet ist. Wer ein wenig beobachtet, sieht, dass Kinder Schriftzüge nachmalen — wie Zeichen, ohne den Sinn zu verstehen. Der Sinn des Geschriebenen kann dem Kinde erst vermittelt werden, wenn der Ätherleib geboren ist; nachahmen kann es die Schriftzüge aber schon vorher. Man sollte das Schreibenlernen damit beginnen, dass man das Kind zuerst die Formen der Buchstaben nachmalen lässt. Später kann man ihm dann erklären, was es schon machen kann."},{"locus":"GA 68d/1907-01-10/p022","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1907-01-10/p022","passage_number":22,"word_count":141,"text":"Man legt heute ein viel zu großes Gewicht darauf, dass der Sinn mitwirken soll bei allem, was man dem Kinde beibringt. Man sollte aber vielmehr dafür sorgen, dass die ganze Umgebung des Kindes so eingerichtet ist, dass die äußeren Kräfte, die das Kind umgeben, weckend und Leben fördernd auf seinen Ätherleib einwirken. — Dabei erinnern wir uns an das Goethewort: Das Auge ist vom Licht für das Licht gebildet. Das Tier, das gezwungen wird, in finsteren Höhlen zu leben, verliert allmählich das Augenlicht, es wird blind. Das Licht wirkt schaffend und gestaltend am Auge. Die Naturkräfte sind organschaffend, sie bilden die Organe heran. Der Mensch ist, wenn er geboren wird, noch nicht fertig. Ein jeder Lichtstrahl wirkt weiter bildend am Auge. Und so kann auch, was in des Kindes Umgebung sich befindet, Leben erweckend oder Leben verkümmernd auf des Kind wirken."},{"locus":"GA 68d/1907-01-10/p023","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1907-01-10/p023","passage_number":23,"word_count":117,"text":"Da leuchtet die Geisteswissenschaft bis in Einzelheiten hinein. Es ist zum Beispiel nicht gleichgültig, ob rote oder blaue Farben sich in der Umgebung des Kindes befinden. Einem Kinde, das lebhaft ist, nervös vielleicht sogar, geziemt keineswegs dieselbe Farbe wie einem Kinde, das ruhig oder gar apathisch ist. Für das Letztere ist Blau die richtige Farbe, für das Erstere Rot. So kann selbst die Kleidung wohltätig oder lähmend auf das Kind wirken. So wird hineingewirkt bis in das Gehirn und das Herz, diese Werkzeuge der Seele. Von der Umgebung des Kindes hängt es mit ab, ob diese Organe vertrocknen oder zur Lebendigkeit heranreifen, ob sie langsam und träge sich entwickeln oder ob sie erweckt werden zu tätigem Leben."},{"locus":"GA 68d/1907-01-10/p024","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1907-01-10/p024","passage_number":24,"word_count":90,"text":"Die Erziehung hat dafür zu sorgen, dass dasjenige berücksichtigt wird, was ein Gradmesser des inneren Gedeihens ist: Lust und Freude. Die sind nicht umsonst da; sie sollen nicht unterdrückt werden, besonders nicht im kindlichen Alter. Nicht unterdrückt sollen sie werden, sondern veredelt. So zeigt sich zum Beispiel das Bedürfnis des Leibes nach einer bestimmten Nahrung dadurch, dass man Lust dazu hat. Dadurch zeigt der Leib an, dass er sie braucht zu seinem Gedeihen. Alles, was Freude macht, Interesse erregt, wirkt Organ schaffend. Die Organe werden lebendig gemacht dadurch, und geregelt."},{"locus":"GA 68d/1907-01-10/p025","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1907-01-10/p025","passage_number":25,"word_count":115,"text":"Wenn aber ein Kind gelangweilt wird, so tötet man etwas ab, so wirkt man erschlaffend auf seine Organe; und das ist sehr schlimm. Denn was bis zum siebenten Jahre nicht herangebildet ist, das ist verloren für immer. Die ganze Richtung, die Wachstumstendenz ist ja bis dahin gegeben. Man versuche — oder vielmehr, man versuche es lieber nicht —, diese Behauptungen der Geisteswissenschaft auf ihren Wahrheitsgehalt dadurch zu prüfen, dass man zum Beispiel einem Kinde recht viel Eier, einem andern aber sehr wenig Eier zu essen gibt. Das letztere Kind wird merkwürdig gesunde Instinkte zeigen für das, was sein Leib als Nahrung braucht; das erstere dagegen nicht. Denn übermäßig viel Eiweiß löscht die gesunden Nahrungsinstinkte aus."},{"locus":"GA 68d/1907-01-10/p026","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1907-01-10/p026","passage_number":26,"word_count":212,"text":"Im siebenten Jahre also wird des Kindes Ätherleib geboren. Derjenige Leib, der der Träger ist der Gewohnheiten, des Temperaments, des Gedächtnisses, der wird frei. Alle diese Eigenschaften müssen in der Zeit bis zur Geschlechtsreife gepflegt werden. Dies ist die Epoche, in der man mit dem Stoff des Lernens an das Kind herantritt. Für diese Zeit gilt nicht nur das, was in der physischen Welt vorhanden ist. Nachahmen ist das Zauberwort bis zum siebenten Jahre; es gibt nun auch ein Leitwort für die Zeit vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife, das heißt: Nachfolge und Autorität, So wie vorher das Kind nachahmte, so muss es jetzt, um ein Wort Goethes zu gebrauchen, sich seinen Helden wählen und ihm den Weg bis zum Olymp hinauf folgen. Entwickelt man die schönsten Moralgrundsätze oder scharfe Urteile vor dem Kinde, man wird finden, dass es nichts auf sich hat mit solchen Lehren. Stellt man jedoch in die Umgebung des Kindes eine Persönlichkeit als Autorität, dann wirkt es. Nicht Moralgrundsätze, sondern verkörperte Moral soll man dem Kinde geben. Seele und Gewissen des Kindes werden nicht entwickelt durch bloße Lehren, sondern dadurch, dass das Kind sich sagt, wenn es eine solche Persönlichkeit vor sich hat: Was die tut, das ist recht. Und es lernt mit Ehrfurcht aufschauen zu einer solchen Persönlichkeit."},{"locus":"GA 68d/1907-01-10/p027","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1907-01-10/p027","passage_number":27,"word_count":82,"text":"Nichts Wohltätigeres gibt es für das spätere Leben als Ehrfurcht, die im Kindesalter gepflegt wurde, nichts Fruchtbareres für das ganze Leben. Wenn ein Kind von jemandem hört: Das ist ein Mensch, zu dem alle mit Ehrfurcht aufschauen, und es dann diese Person zum ersten Mal sieht und dabei fühlt, wie ein Schauer von Ehrfurcht auch durch sein Herz zieht, dann ist das eine herrliche Erziehungsgrundlage. Ehrfurcht und Autorität, diese Worte müssen Klang gewinnen, will man eine feste Grundlage für die Erziehung haben."},{"locus":"GA 68d/1907-01-10/p028","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1907-01-10/p028","passage_number":28,"word_count":150,"text":"Grundsätze kann das Kind erst dann richtig befolgen, wenn es vorher die Befolgung in einer Persönlichkeit verkörpert vor sich gehabt hat. Erst dann gehen die Grundsätze auch in Fleisch und Blut, oder vielmehr in den Ätherkörper‚ über. Sie verbleiben im Gedächtnis. Was da versäumt wird in dieser Zeit, das bleibt für das ganze Leben versäumt. Um das Gedächtnis zu üben, muss das Kind auch viel Gedächtnisstoff in sich aufnehmen; ihn mit seinem eigenen Urteil durchdringen kann es dann später; jetzt muss es erst das Gedächtnis üben. Später muss es Stoff haben, um ihn beurteilen zu können. Es ist schlimm für den werdenden Menschen, wenn er zu früh zur Kritik aufgerufen wird. Erst muss er die Welt kennenlernen, muss lernen an großen geschichtlichen Beispielen, muss Ehrfurcht empfinden. Hinmalen muss man vor das Kind in Wort und Bild, was große Persönlichkeiten geleistet haben. Die bildliche Vorstellung muss gepflegt werden in dieser Zeit."},{"locus":"GA 68d/1907-01-10/p029","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1907-01-10/p029","passage_number":29,"word_count":131,"text":"In dieser Beziehung liegt bei der jetzigen materialistischen Vorstellungsweise viel im Argen. Man muss da zwei Dinge vergleichen. Bis zum siebenten Jahre werden nur die physischen Organe ausgebildet, dann der Charakter und das Temperament; und wir haben gesehen, wie die Erziehung Leben weckend oder Leben verkümmernd wirken kann. Ein an Leib und Seele gesundes Kind wird immer ein Spielzeug vorziehen, das es sich selbst geschaffen hat, keine noch so schöne komplizierte fertige Sache. Seine Lappenpuppe, die durch Tintenkleckse Augen, Nase und Mund erhalten hat, wird ihm ein lieberes Spielzeug sein als die schönste gekaufte Puppe. Warum? Weil das Kind, wenn es seine geliebte Lappenpuppe ansieht, etwas tun muss, weil es in sich ergänzen muss durch seine Phantasie und Vorstellungskraft, was es vor sich hat. Die Vorstellungskraft muss arbeiten, sonst verkümmert sie."},{"locus":"GA 68d/1907-01-10/p030","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1907-01-10/p030","passage_number":30,"word_count":119,"text":"Es ist ein großer Unterschied, ob man ein Kind sich so entwickeln lässt, dass es aus einzelnen Teilen künstliche Gebilde zusammensetzt, oder etwas Lebendiges vor sich hat. Es wird eine Zeit kommen, die nicht mehr den Baukasten anbeten wird. Wahrlich, der Okkultist sollte nicht sentimental werden, doch hier liegt ein Punkt, wo er versucht wird, es zu werden. Er sieht die materialistische Denkweise in den zarten, kindlichen heranwachsenden Menschen sich entwickeln und weiß, sie kommt mit daher, weil sie in der Kinderstube aus toten Einzeldingen ein Totes zusammengesetzt haben. Wie die Bausteine ein Lebloses ergeben, so erzielt die materialistische Anschauungsweise eine leblose Weltentwicklung. Das Gehirn des Materialisten ist verkümmert, es kann nicht zum Lebendigen hingeführt, nicht darauf hingewiesen werden."},{"locus":"GA 68d/1907-01-10/p031","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1907-01-10/p031","passage_number":31,"word_count":130,"text":"Darum gebe man dem Kinde Lebendiges, damit sein Gehirn zum Leben erweckt werde. Man gebe ihm die einfachen Spielsachen des Landjahrmarktes, wo zum Beispiel zwei Figuren den Schmiedehammer in Bewegung setzen, oder ein Bilderbuch, in dem an Fäden gezogene Figuren sich bewegen können. Das ist viel besser, das ist lebendig. Das ist viel förderlicher für das Kind, als wenn es aus toten Gebilden Totes zusammenstellt. Da sieht das Kind Leben, da sucht es nach dem Grund der Bewegung. Das bildet die kindlichen Seelenkräfte. — Aller Schmerz der Welt lagert sich ab auf die Seele des Geistesforschers, wenn er sehen muss, wie in die Umgebung des Kindes nicht die richtigen Dinge gebracht werden. Der Geistesforscher sieht die Kräfte in den Organen der werdenden Menschen verdorren und weiß: Sie sind bleibend verdorrt."},{"locus":"GA 68d/1907-01-10/p032","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1907-01-10/p032","passage_number":32,"word_count":186,"text":"In der Zeit nach dem Zahnwechsel des Kindes beginnt das sich zu entwickeln, wovon der Ätherleib der Träger ist: ein bleibender Stock von Gewohnheiten. Will man im Kinde da Ruhe, Sicherheit, Einfachheit und Geradlinigkeit heranerziehen, muss eine Persönlichkeit, die diese Charaktereigenschaften hat, als lebendiger Mensch vor ihm wandeln bis zum vierzehnten bis sechzehnten Jahre. An ihm muss es sich bilden lernen, von ihm durch Anschauen sich jene Eigenschaften aneignen. Der Ätherleib ist aber auch der Träger aller künstlerischen Kräfte. Man muss sich klarmachen, was in dieser Zeit dem Kinde an Künstlerischem zugeführt werden soll. Wenn der kindliche Geschmack in dieser Zeit verdorben wird durch schlechte Bilder und so weiter, dann bleibt er verdorben. Vom siebenten Jahre an ist das Kind auch für den Vergleich empfänglich. In dieser Hinsicht herrscht in unserer Zeit der größte Unverstand. Da wird zum Beispiel geforscht nach dem Sinn der Kinderlieder. Sinn soll überall zugrunde liegen. Aber Kinderlieder, wie zum Beispiel «Flieg, Käferchen, flieg! ... Deine Mutter ist im Pommerland» — das heißt im Kinderland —, sie wollen gar keinen Sinn haben; sie sind teils Sinnbilder, teils sollen sie nur Wohlklang geben."},{"locus":"GA 68d/1907-01-10/p033","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1907-01-10/p033","passage_number":33,"word_count":161,"text":"Es handelt sich darum, dass Klang und Farbe vom siebenten Jahre an aus dem Sinnlichen ins Sinnige verwandelt werden. Unsere materialistische Zeit ist nicht gerade geeignet dafür. Sie ist nicht geneigt, sich sinnbildlich verständlich zu machen. Will man zum Beispiel das Hervorgehen des Schmetterlings aus der Puppe als ein Sinnbild für das Hervorgehen der Seele aus dem Leibe zeigen, so muss man auch selbst an ein solches Gleichnis als Wirklichkeit glauben. Wer tut das heute noch wirklich? Man sagt sich wohl halb mitleidig, das Kind mit seinem noch unentwickelten Verstand kann noch nicht begreifen, was ich meine, also will ich es ihm sinnbildlich klarmachen. aber wenn man sich in den Geist der Dinge vertieft, dann ist ein solches Gleichnis ein tiefes Mysterium, dann ist es ein tief geheimnisvoller Vorgang; dann ist das, was auf einem untergeordneten Gebiete uns die Puppe und der Schmetterling zeigen, derselbe Vorgang, der auf einer höheren Stufe sich wiederholt als das Hervorgehen der Seele aus dem Leibe."},{"locus":"GA 68d/1907-01-10/p034","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1907-01-10/p034","passage_number":34,"word_count":105,"text":"Wenn man sich das klarmacht, das lebendig empfindet, wenn man diesen Vorgang nicht nur als einen Vergleich nimmt, sondern als den bildlichen Ausdruck einer höheren Wahrheit, dann fließt die Kraft dieser Vorstellung in die kindliche Seele über. Überall, in allem sollte der Erzieher ein Gleichnis für das Ewige sehen und in die Kinderseele die Kraft dieses Gleichnisses hineingießen. Dann erst wird er fruchtbringend wirken können. Und dies ist nicht etwa bloß die Angelegenheit irgendeines dazu besonders Begabten oder Auserwählten, sondern jeder Erzieher kann so wirken, jeder Erzieher kann diese Dinge von Seele zu Seele vermitteln und kann so produktives Leben im Ätherleib des Kindes erwecken."},{"locus":"GA 68d/1907-01-10/p035","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1907-01-10/p035","passage_number":35,"word_count":113,"text":"Mit der Zeit der Geschlechtsreife wird dann die letzte Hülle entfernt. Nun erst ist die Zeit für das Kind gekommen, in der Kritik und Unterscheidungsvermögen erwachen, nun erst kann man abstrakte Lehren geben, nicht vorher. Und unrecht ist es, früher als zu dieser Zeit einen Menschen zu eigenem Urteilen zu führen. Es ist wesentlich für die Zeit zwischen dem siebenten und dem vierzehnten Jahre, dass auch die religiösen Vorstellungen lebendig gemacht werden. Die religiöse Erziehung darf ebenso wenig fehlen für diese Zeit wie für die vorhergehende Zeit die richtige physische Umgebung. Das Kind soll nicht bloß hören, was in den Welten jenseits ist, sondern der Glaube soll ihm als etwas Selbstverständliches eingepflanzt werden."},{"locus":"GA 68d/1907-01-10/p036","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1907-01-10/p036","passage_number":36,"word_count":148,"text":"Nichts aber ist schlimmer, als wenn der Mensch, bevor der Astralleib erwacht ist, zum Urteil aufgerufen wird. Erst soll er verehren lernen, dann urteilen. Erst soll er einen großen Umfang von Gedächtniswissen besitzen, ehe er es mit seinem Verstand durchdringt. Ihn aber vorher zum Urteilen und Bekennen aufzurufen, ehe er unterscheiden kann, ist der größte Verderb. Erst soll er durchdrungen sein von Autoritätsgefühl, dann erst darf man sich an seine Urteilskraft wenden. Die ist eben vorher nicht da; sie ist noch nicht entwickelt. Sie entwickelt sich erst in den Jahren vor und nach der Geschlechtsreife. Es ist daher grotesk, wenn junge Leute von achtzehn Jahren auftreten und ihre Urteile abgeben, ja sogar dicke Bücher schreiben, worin sie umstoßen wollen, was in Jahrtausenden geschaffen wurde. In dieser Beziehung wird sich durch die Geisteswissenschaft manches ändern können. Durch richtige Erziehung kann das Urteil in richtiger Weise herangebildet und geleitet werden."},{"locus":"GA 68d/1907-01-10/p037","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1907-01-10/p037","passage_number":37,"word_count":250,"text":"Im Ganzen und im Einzelnen sollte gezeigt werden, wie man durch ein tieferes Erkennen der Entwicklung der einzelnen Glieder des Menschen zum richtigen Erzieher werden kann. Wenn jemand sagt, davon könne man nichts wissen, dann muss geantwortet werden: Man probiere es einmal, in diesem Sinne Menschen zu erziehen, im Sinne dieser drei Geburten, dann wird man schon im Leben und in der Praxis die Beweise für die theosophischen Wahrheiten finden. Es kommt nicht darauf an, dass man Theorien oder Grundsätze aufstellt, sondern [darauf], dass man sie vom Kopfe bis in die Hand hineinführt. Die Grundsätze sind gut, die sich segensreich erweisen im Leben, die, wenn sie angewendet werden im Leben, ihren Einfluss auf die Kultur in fördernder Weise bezeugen. Was die Kultur fördert, was Leben erweckt, das ist wahr. Wenn die Lehren, die sich auf das Übersinnliche beziehen, angewendet werden, wird man den Beweis für ihre Wahrheit erhalten. Man wird erkennen, dass die Theosophie etwas eminent Praktisches ist, dass sie nicht lebensfremd und lebensfern ist, sondern lebensfreudig und Leben erweckend, dass sie dem Menschen Kraft und Sicherheit gibt. Und worauf kommt es mehr an als darauf bei der Erziehung des Kindes? Die Erziehung soll ins Sichtbare, ins Sinnliche herunterbringen, was im Übersinnlichen verborgen liegt. Da liegt der Schlüssel zu dem, was in der Kindheit des Menschen vor sich geht. Die ganze Bedeutung der Erziehungsfrage ergibt sich, wenn wir uns klar sind, dass jeder Mensch ein Rätsel ist, das wir als Erzieher durch ein wirkliches Vertiefen in sein Inneres lösen müssen."},{"locus":"GA 68d/1907-01-10/p038","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1907-01-10/p038","passage_number":38,"word_count":1,"text":"*Fragenbeantwortung*"},{"locus":"GA 68d/1907-01-10/p039","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1907-01-10/p039","passage_number":39,"word_count":5,"text":"> Frage: Widerspruchgeist bei Kindern?"},{"locus":"GA 68d/1907-01-10/p040","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1907-01-10/p040","passage_number":40,"word_count":72,"text":"Antwort: Man tritt demselben am besten entgegen und rottet ihn am besten aus, indem man das Kind das, was es durch diesen Geist des Widerspruchs erlangen will, auch erlangen lässt, sodass das Kind die Erfahrung macht, dass das Erlangte falsch ist, dass es sich schadet dadurch. Durch Verbieten, Belehren und so weiter erreicht man da wenig, stachelt vielmehr meist noch mehr zum Widerspruch auf. Das Kind lernt am besten durch eigene Erfahrung."},{"locus":"GA 68d/1907-01-10/p041","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1907-01-10/p041","passage_number":41,"word_count":12,"text":"> Frage: Wie erklärt sich der Einfluss der Farben auf das Kind?"},{"locus":"GA 68d/1907-01-10/p042","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1907-01-10/p042","passage_number":42,"word_count":92,"text":"Antwort: Man nehme folgendes Beispiel: Wenn man eine weiße Fläche anschaut, auf der sich rote Quadrate befinden, und nach einer Weile fortschaut auf eine leere weiße Fläche, wird man finden, dass die Quadrate, die man vorher rot sah, sich jetzt auf der leeren weißen Fläche grün vor dem Auge zeigen. Das Rot, das man ansah, hat sich im Menschen in Grün verwandelt. Grün ist nun eine wohltuende, beruhigende Farbe. Auch das zu lebhafte, nervöse Kind, das viel Rot in seiner Umgebung hat, verwandelt dies Rot in sich in das wohltuende, beruhigende Grün."},{"locus":"GA 68d/1907-01-10/p043","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1907-01-10/p043","passage_number":43,"word_count":5,"text":"> Frage: Widerspruchgeist bei Kindern?"},{"locus":"GA 68d/1907-01-10/p044","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1907-01-10/p044","passage_number":44,"word_count":69,"text":"Antwort: Ist deshalb so schädlich für den jungen Menschen, weil sie in späteren Jahren Verarmung erzeugt. Der Mensch hat dann für gewisse Dinge kein Verständnis. Man kann nur urteilen über das, was man selbst erlebt hat. Die zu früh herausgerufene Urteilskraft schiebt einen Riegel vor die ganze breite Wirklichkeit des Lebens. Das Leben verarmt; denn nur wer weiß, kann urteilen. Daher auch die so rasch verarmenden Schriftsteller unserer Zeit."},{"locus":"GA 68d/1907-01-10/p045","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1907-01-10/p045","passage_number":45,"word_count":9,"text":"> Frage: Die sexuelle Frage: Sollen wir Kinder aufklären?"},{"locus":"GA 68d/1907-01-10/p046","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1907-01-10/p046","passage_number":46,"word_count":273,"text":"Antwort: Oft wird bei der jetzt so oft in den Diskussionen gestellten Frage, ob man Kindern die sexuellen Vorgänge erklären soll, gesagt: Ich will und darf dem Kinde keine Unwahrheit sagen. — Nun, man soll dem Kinde auch keine Unwahrheit sagen, sagen soll man ihm die ganze Wahrheit, aber eine Wahrheit, die auf einem ganz anderen Gebiet liegt als in der banalen Schilderung der physischen Befruchtungs- und Geburtsvorgänge. Unsere Altvorderen haben ihren Kindern auch keine Unwahrheiten gesagt, wenn sie ihnen sagten: «Deine Mutter ist im Pommerland, flieg, Käferchen, flieg!» Das Pommerland ist das Kinderland, das Land der Heimat der Seele. Im «Fliegen» liegt auch ein Geistiges. Man wusste eben noch mehr als die Menschen von heutzutage, man wusste die geistigen Vorgänge, die statthaben von der physischen Geburt des Kindes, man wusste, dass diese Vorgänge das Wichtigere sind, dass die Geburt nicht nur ein physischer Akt ist. Und in diesem Sinne sollten wir auch heute zu den Kindern sprechen, wenn bei ihnen die Frage nach dem Ursprung des Menschen auftaucht. Erzählen sollten wir ihnen in schönsten poetischen Bildern von der Seele, die hinabsteigt zur Geburt, sollten ihre Seele erfüllen mit Bildern voll geistiger Schönheit und Reinheit, Heiligkeit und Ehrfurcht. Gar nicht hoch genug können wir greifen, gar nicht poetisch genug ihnen diese Bilder in die Seele hineinstellen. Und wenn dann der Zeitpunkt kommt, wo mit der Geschlechtsreife auch die physischen Befruchtungs- und Geburtsvorgänge ihnen klar werden, so werden diese eben nur als das, was sie sind, als das Unwesentlichere, auch den Kindern erscheinen. Ihre Seele, die erfüllt ist von hohen, heiligen, ehrfurchtgebietenden Vorstellungen und Bildern, wird die Geburt des Leibes als ein Nebensächlicheres betrachten."}]}