8. Die Erziehung des Kindes vom Standpunkte der Geisteswissenschaft
Im siebenten Jahre also wird des Kindes Ätherleib geboren. Derjenige Leib, der der Träger ist der Gewohnheiten, des Temperaments, des Gedächtnisses, der wird frei. Alle diese Eigenschaften müssen in der Zeit bis zur Geschlechtsreife gepflegt werden. Dies ist die Epoche, in der man mit dem Stoff des Lernens an das Kind herantritt. Für diese Zeit gilt nicht nur das, was in der physischen Welt vorhanden ist. Nachahmen ist das Zauberwort bis zum siebenten Jahre; es gibt nun auch ein Leitwort für die Zeit vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife, das heißt: Nachfolge und Autorität, So wie vorher das Kind nachahmte, so muss es jetzt, um ein Wort Goethes zu gebrauchen, sich seinen Helden wählen und ihm den Weg bis zum Olymp hinauf folgen. Entwickelt man die schönsten Moralgrundsätze oder scharfe Urteile vor dem Kinde, man wird finden, dass es nichts auf sich hat mit solchen Lehren. Stellt man jedoch in die Umgebung des Kindes eine Persönlichkeit als Autorität, dann wirkt es. Nicht Moralgrundsätze, sondern verkörperte Moral soll man dem Kinde geben. Seele und Gewissen des Kindes werden nicht entwickelt durch bloße Lehren, sondern dadurch, dass das Kind sich sagt, wenn es eine solche Persönlichkeit vor sich hat: Was die tut, das ist recht. Und es lernt mit Ehrfurcht aufschauen zu einer solchen Persönlichkeit.
Cite:
GA 68d/1907-01-10/p026 · edition original