8. Die Erziehung des Kindes vom Standpunkte der Geisteswissenschaft
Antwort: Oft wird bei der jetzt so oft in den Diskussionen gestellten Frage, ob man Kindern die sexuellen Vorgänge erklären soll, gesagt: Ich will und darf dem Kinde keine Unwahrheit sagen. — Nun, man soll dem Kinde auch keine Unwahrheit sagen, sagen soll man ihm die ganze Wahrheit, aber eine Wahrheit, die auf einem ganz anderen Gebiet liegt als in der banalen Schilderung der physischen Befruchtungs- und Geburtsvorgänge. Unsere Altvorderen haben ihren Kindern auch keine Unwahrheiten gesagt, wenn sie ihnen sagten: «Deine Mutter ist im Pommerland, flieg, Käferchen, flieg!» Das Pommerland ist das Kinderland, das Land der Heimat der Seele. Im «Fliegen» liegt auch ein Geistiges. Man wusste eben noch mehr als die Menschen von heutzutage, man wusste die geistigen Vorgänge, die statthaben von der physischen Geburt des Kindes, man wusste, dass diese Vorgänge das Wichtigere sind, dass die Geburt nicht nur ein physischer Akt ist. Und in diesem Sinne sollten wir auch heute zu den Kindern sprechen, wenn bei ihnen die Frage nach dem Ursprung des Menschen auftaucht. Erzählen sollten wir ihnen in schönsten poetischen Bildern von der Seele, die hinabsteigt zur Geburt, sollten ihre Seele erfüllen mit Bildern voll geistiger Schönheit und Reinheit, Heiligkeit und Ehrfurcht. Gar nicht hoch genug können wir greifen, gar nicht poetisch genug ihnen diese Bilder in die Seele hineinstellen. Und wenn dann der Zeitpunkt kommt, wo mit der Geschlechtsreife auch die physischen Befruchtungs- und Geburtsvorgänge ihnen klar werden, so werden diese eben nur als das, was sie sind, als das Unwesentlichere, auch den Kindern erscheinen. Ihre Seele, die erfüllt ist von hohen, heiligen, ehrfurchtgebietenden Vorstellungen und Bildern, wird die Geburt des Leibes als ein Nebensächlicheres betrachten.
Cite:
GA 68d/1907-01-10/p046 · edition original