10. Das Wesen des Menschen
Blicken wir einmal zurück in vergangene Zeiten. Damals, als die Buchdruckerkunst noch nicht populär war, da erhielten die Seelen noch leichter eine befriedigende Antwort von denen, die dazu berufen waren, doch heute, in unserer Zeit, sehen wir grade die denkendsten, strebendsten Seelen vor dieser Frage ratlos stehen. Sie haben in ihrer Jugend viel gelernt, den Verstand geübt, die Intelligenz geschult — dann treten die Fragen der Religion an sie heran. Durch die sogenannte moderne Wissenschaft, durch tausend andere Kanäle ist ihnen eine Fülle von Wissen zugeflossen, und schwer wird es da der Seele, festzuhalten an dem, was die Religion gibt als Seelennahrung. Es sind diejenigen, die am sehnsüchtigsten nach der Wahrheit dürsten, die da dann irre werden. Durch die Auskunft, die die Religion ihm gibt, kann der Mensch nicht mehr befriedigt werden. Die Wissenschaft gibt ihm auch keine Weltanschauung, die ein ernstlich strebendes Herz in seinem Wirken kraftvoll macht.
Cite:
GA 68d/1907-07-02/p008 · edition original