10. Das Wesen des Menschen
Das gilt für viele als eine Art von Unbescheidenheit, wenn man sagt, dass man noch mehr vom Menschen und der Welt wissen kann. Man fragt: Woher weißt du diese Dinge? Du kannst sie nicht wissen, denn es gibt Grenzen in unserer Erkenntnis! — Ich führe da ein Wort eines großen deutschen Denkers an, Johann Gottlieb Fichte, der 1811 vor einer großen Schar von Zuhörern dasselbe besprach, was die Theosophie immer wieder wird besprechen müssen: was als Unsichtbares dem Menschen zugrunde liegt. Fichte sagt: Wenn man sich vorstellt, man sei der einzig Sehende in einer Welt von Blinden, man spräche diesen von Formen und Farben, von all den Herrlichkeiten, die das Auge uns überliefert, dann könnten diese Blinden sagen, das sei alles zusammenphantasiertes Zeug. In dem Augenblick aber, wo man imstande sei, all diesen Blinden das Sehvermögen zu geben, dann sehen sie eine neue Welt, alles das, wovon der eine ihnen gesprochen, das steht dann vor ihnen. Der Blinde sieht dann ein, dass er kein Recht gehabt hat, zu sagen, es gibt keine Formen, keine Farben. — In demselben Sinne spricht die Theosophie von den höheren Welten. Das sind keine neuen Welten, sie sind um uns herum, wir sind inmitten derselben, nur fehlen dem Menschen die Organe, die Fähigkeiten, sie wahrzunehmen. — Die Theosophie sagt: Die Welt, die unsere physischen Sinne wahrnehmen, ist nicht die einzige; wir können unsere Wahrnehmungen erweitern, können noch andere Welten wahrnehmen. — Nicht in einem unfassbaren Jenseits, nicht in einem Wolkenkuckucksheim liegen sie, sondern um uns herum. Nicht in einem Zaubersinn spricht die Theosophie von diesen Welten, sondern in demselben Sinn wie Johann Gottlieb Fichte.
Cite:
GA 68d/1907-07-02/p016 · edition original