16. Mann, Weib und Kind im Lichte der Geisteswissenschaft
Beim Menschen ist Vererbung etwas ganz anderes als bei den niederen Lebewesen. Wenn wir Vergleiche ziehen mit Tatsachen aus der niederen Natur, so finden wir zwei nah einander verwandte Begriffe: die Begriffe von Fortpflanzung und von Liebe. Die Liebe tritt schon in niederen Lebewesen hervor und verfeinert sich bis zum Menschen. Ich spreche hier nicht vom Begriff, sondern von etwas Realem, wie zum Beispiel Elektrizität. Sie ist eine reale Kraft, die durch alle Menschen hindurchgeht, nur steht diese Liebe in ganz anderen Verhältnissen. Wenn ein niederes Lebewesen seinen Höhepunkt erreicht und reif zur Fortpflanzung wird, tritt die Liebe mit ein. Wir sehen, dass diese niederen Lebewesen darnach erschöpft sind und bald sterben. Bei ihnen ist der Tod Anschluss an und die Folge von Liebe. Bei der Pflanze ist es nicht anders; nach der Befruchtung und nachdem der Keim für die nächste Pflanze entstand, stirbt sie ab. Steigen wir aber hinauf zu höheren Lebewesen, so sehen wir, dass solche sich etwas bewahren über die Liebe hinaus. Die Pflanze bewahrt sich nichts, sie stirbt; solches finden wir auch noch bei niederen Tieren; die Liebe bringt ihnen den Tod. Ein höheres Wesen aber bewahrt sich seine Individualität. Am höchsten ist das ausgebildet beim Menschen. Darin unterscheidet sich der Mensch ganz wesentlich von dem ihm am nächsten stehenden Tier.
Cite:
GA 68d/1908-01-11/p006 · edition original