16. Mann, Weib und Kind im Lichte der Geisteswissenschaft
Es gibt eine Tatsache, die den Grundunterschied des Menschen vor allen Tieren charakterisiert. Gewöhnlich wird das nicht im richtigen Licht, noch nach richtigem Gewicht erkannt. Die Tatsache scheint einfach: Der Mensch kann von uns beschrieben werden als einzelnes, individuelles Wesen. Das hat für uns dasselbe Interesse, als wenn wir beim Tier eine ganze Gattung beschreiben. Beim Löwen zum Beispiel interessieren uns nicht seine Eigenschaften so sehr, sondern unser Interesse bleibt bei der Gattung. Vom Tiere kann man keine Biografie schreiben; das macht es Ihnen deutlich. Der Mensch ist als einzelner Mensch eine Gattung für sich. Die Biografie zeigt uns ganz klar, was uns die Geheimwissenschaft lehrt: Die Notwendigkeit der Wiederverkörperung. Bei Tieren finden wir ganz einfach die Ähnlichkeit mit den Eltern. Fragen wir uns aber doch, ob wir Schiller begreifen, wenn wir seine Eltern beobachten. Er kann wohl seine Nase, seinen Gang, seine Haltung, ja sogar seine Krankheitsanlage von seinen Eltern haben, aber nimmer werden wir bei ihnen das finden, worin eben Schiller für die Menschheit Schiller ist.
Cite:
GA 68d/1908-01-11/p007 · edition original