{"corpus":"steiner","locus":"GA 68d/1909-01-09","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1909-01-09","ga":"68d","lecture":"1909-01-09","lecture_number":null,"title":"28. Die Temperamente im Lichte der Geisteswissenschaft","site_heading":null,"date":"1909-01-09","location":null,"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"passage_count":54,"word_count":6005,"translation_credit":null,"witnesses":[{"lang":"de","edition":"original","is_original":true,"is_default_edition":true,"first_passage":1,"last_passage":54,"passage_count":54,"word_count":6005},{"lang":"en","edition":"English","is_original":false,"is_default_edition":true,"first_passage":1,"last_passage":54,"passage_count":54,"word_count":6364,"completeness":{"ratio":1.06,"band":"comparable","note":null}}],"record":{"record_type":"mixed_sources","scope":"volume","note":"This volume draws on more than one kind of record (transcripts, notes, documents). Check the volume's own front matter before weighing a single passage.","evidence":"Vorträge aus den Jahren 1905 bis 1909 in Form von ausführlichen Mitschriften, Zuhörernotizen und Zeitungsreferaten","evidence_translation":"Lectures from the years 1905 to 1909 in the form of detailed transcripts, listeners' notes and newspaper reports","evidence_source":"The publisher's description of the volume, as mirrored on AnthroWiki (GA 68d). The translation is the maintainer's, not a published one."},"passages":[{"locus":"GA 68d/1909-01-09/p001","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1909-01-09/p001","passage_number":1,"word_count":8,"text":"## GA 68d — 9 January 1909, Munich"},{"locus":"GA 68d/1909-01-09/p002","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1909-01-09/p002","passage_number":2,"word_count":8,"text":"### 28. 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Und wir dürfen ja sagen, dass sich ein großer Teil unserer wissenschaftlichen Tätigkeit, unseres Nachdenkens und sonstiges vieles Sinnen des Menschen darauf bezieht, dieses Menschenrätsel zu lösen, ein wenig zu erkennen, worin das Wesen der menschlichen Natur besteht."},{"locus":"GA 68d/1909-01-09/p004","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1909-01-09/p004","passage_number":4,"word_count":163,"text":"Naturwissenschaft und, wie wir hier in diesen Vorträgen schon gesehen haben, auch Geisteswissenschaft, sie suchen von verschiedenen Seiten her, dieses große Rätsel, welches das Wort Mensch einschließt, zu lösen. Man hat aber gewöhnlich, wenn man von diesem Menschenrätsel spricht, den Menschen im Allgemeinen, den Menschen ohne Unterschied in Bezug auf diese oder jene Individualität im Auge, und gewiss, viele Aufgaben erwachsen uns, wenn wir den Menschen im Allgemeinen seinem Wesen nach kennenlernen wollen. Aber es gibt noch ein anderes Menschenrätsel; wir können sagen, es gibt viele, viele andere Menschenrätsel. Denn außer dem, dass der Mensch im Allgemeinen für den Menschen ein großes Rätsel ist, erscheint uns denn nicht wiederum jeder einzelne individuelle Mensch, dem wir begegnen, selbst ein Rätsel zu sein? Wie schwierig ist es, den Menschen gegenüber, die uns begegnen, ins Klare zu kommen über die verschiedenen Seiten ihres Wesens und wie viel hängt davon ab im Leben, so ins Klare zu kommen über diejenigen Menschen, mit denen wir in Berührung kommen!"},{"locus":"GA 68d/1909-01-09/p005","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1909-01-09/p005","passage_number":5,"word_count":109,"text":"Nun können wir uns ja der Lösung der ganz individuellen Menschenrätsel, von denen uns jeder Mensch ein besonderes aufgibt, nur nähern ganz allmählich, denn es ist ein großer Zwischenraum zwischen dem, was man nennt die Menschennatur im Allgemeinen, und dem, was uns in jedem einzelnen Menschen entgegentritt. Und da sehen wir in diesem Zwischenraum doch auch manches, was ganze Menschengruppen gleichartig haben. Zu diesem Gleichartigen gehören diejenigen Eigenschaften menschlicher Wesenheit, die heute den Gegenstand unserer Betrachtung bilden, die man gewöhnlich das Temperament des Menschen nennt. Im Grunde ist es ja wahr, dass uns jeder Mensch mit einem eigenen Temperament entgegentritt, aber wir können doch gewisse Gruppen von Temperamenten unterscheiden."},{"locus":"GA 68d/1909-01-09/p006","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1909-01-09/p006","passage_number":6,"word_count":178,"text":"Wir sprechen ja der Hauptsache nach von vier menschlichen Temperamenten: von dem sanguinischen, dem cholerischen, dem phlegmatischen, dem melancholischen Temperamente. Und wenn auch die Einteilung nicht ganz richtig ist, insofern wir sie auf den einzelnen Menschen anwenden, so wollen wir doch im Allgemeinen die Menschen in vier Gruppen nach ihren Temperamenten einteilen. Schon die Tatsache, dass sich das Temperament des Menschen auf der einen Seite zeigt wie zum Individuellen hingeneigt, wie etwas, das die Menschen verschieden macht, auf der anderen Seite sie wieder zu Gruppen vereinigt, beweist uns, dass das Temperament etwas sein muss, was auf der einen Seite etwas zu tun hat mit dem innersten Wesenskern des Menschen und das zusammenstehen muss mit der allgemeinen Menschennatur. Etwas, was nach zwei Seiten hinweist, ist des Menschen Temperament. Und so wird es notwendig sein, wenn wir hinter das Geheimnis kommen wollen, auf der einen Seite uns zu fragen: Inwiefern weist das Temperament hin auf dasjenige, was in der allgemeinen Menschennatur liegt? - und dann wiederum: Wie weist es hin auf den menschlichen Wesenskern, auf das eigentliche Innere des Menschen?"},{"locus":"GA 68d/1909-01-09/p007","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1909-01-09/p007","passage_number":7,"word_count":139,"text":"Wenn wir die Frage stellen, so ist es natürlich, dass die Geisteswissenschaft berufen zu sein scheint, Aufschluss zu geben. Denn die Geisteswissenschaft muss uns führen in den innersten Wesenskern des Menschen. Insofern der Mensch uns auf der Erde entgegentritt, erscheint er uns in eine Allgemeinheit hineingestellt und wieder als eine selbstständige Wesenheit. Zwei Linien sind es, die sich begegnen, wenn ein Mensch ins irdische Dasein eintritt. Und da stehen wir mitten in der geisteswissenschaftlichen Betrachtung der Menschennatur. Wir sehen den Abkömmling seines Vaters und seiner Mutter, seiner vorhergehenden Ahnen und immer weiter; in das, was man die Vererbungslinie nennen kann, stellt sich der Mensch hinein, und Ihnen ist es bekannt, dass der Mensch bis weit in den Kern seines Wesens hinein Eigenschaften in sich trägt, die wir durchaus aus der Vererbung ableiten müssen. Auch Goethe sagte von sich selbst:"},{"locus":"GA 68d/1909-01-09/p008","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1909-01-09/p008","passage_number":8,"word_count":22,"text":"> Vom Vater hab ich die Statur,  \n> Des Lebens ernstes Führen,  \n> Vom Mütterchen die Frohnatur  \n> Und Lust zum Fabulieren."},{"locus":"GA 68d/1909-01-09/p009","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1909-01-09/p009","passage_number":9,"word_count":162,"text":"Da sehen wir, wie dieser große Menschenkenner Goethe bis in die moralischen Eigenschaften des Menschen hineinweisen muss, wenn er auf die vererbten Eigenschaften hinweisen will. Mit dem fließt zusammen dasjenige, was unsere eigene Natur ist. Das ist die andere Strömung, in die der Mensch hineingestellt wird, von der die heutige Zeitkultur nicht viel wissen will. Die Geisteswissenschaft zeigt uns, was mit dem, was in der Vererbungslinie uns gegeben ist, zusammenfließt; sie führt uns hin vor die große Tatsache der sogenannten Wiederverkörperung — Reinkarnation —, und des Karmas. Sie zeigt uns, wie sich der innerste Wesenskern des Menschen verbindet mit etwas, was von der Vererbungslinie gegeben wird. Für den Geisteswissenschaftler umhüllt diesen Wesenskern mit äußeren Hüllen dasjenige, was aus der Vererbungslinie stammt. Und wie wir für die Eigenschaften des Menschen, die zu seinem Äußeren gehören, zurückgehen müssen zu Vater und Mutter, so müssen wir, wenn wir des Menschen innerstes Wesen begreifen wollen, zu etwas ganz anderem zurückgehen, zu einem früheren Leben des Menschen."},{"locus":"GA 68d/1909-01-09/p010","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1909-01-09/p010","passage_number":10,"word_count":160,"text":"Ein jeglicher Mensch hat, wenn er ins physische Leben eintritt, eine Reihe von Leben hinter sich. Und dies hat nichts zu tun mit dem, was in der Vererbungslinie liegt. Wir müssten mehr als Jahrhunderte zurückgehen, wenn wir untersuchen wollten, welches sein früheres Leben war, wenn er durch die Pforte des Todes durchgegangen ist. Nachdem er durchgegangen war, lebt er in anderen Daseinsformen in der geistigen Welt. Und wenn wieder der Zeitpunkt gekommen ist, ein Leben in der physischen Welt zu durchleben, dann sucht er sich sein Elternpaar. Und ein jeder Mensch bringt sich aus seinem früheren Leben gewisse Eigenschaften seines Lebens mit. Gewisse Eigenschaften, seine Schicksale, bringt sich der Mensch bis zu einem gewissen Grade mit. Nachdem er diese oder jene Tat verrichtet hat, ruft er die Gegenwirkung hervor und fühlt sich so von neuen Leben umgeben. So bringt er sich aus früheren Verkörperungen einen inneren Wesenskern mit und umhüllt ihn mit dem, was ihm durch die Vererbung gegeben wird."},{"locus":"GA 68d/1909-01-09/p011","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1909-01-09/p011","passage_number":11,"word_count":85,"text":"Dieses eine sei erwähnt, weil es wichtig ist, da tatsächlich unsere gegenwärtige Zeit wenig Neigung hat, diesen inneren Wesenskern anzuerkennen, die Idee der Wiederverkörperung als etwas anderes als einen phantastischen Gedanken anzusehen. Sie muss sich langsam einleben in die menschliche Kultur, ähnlich wie die Lehre des großen Gelehrten Redi, der entgegen der damals herrschenden Theorie, dass aus Flussschlamm Fische entstünden, nachwies, dass Lebendes nur aus Lebendem entstehen könne. Und heute sagt man in ähnlicher Weise, dasjenige, was im Menschen ist, das entstehe alles durch Vererbung."},{"locus":"GA 68d/1909-01-09/p012","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1909-01-09/p012","passage_number":12,"word_count":218,"text":"Auf die Tatsache kann auch der Geisteswissenschaftler hindeuten, und es ist auch darauf hingedeutet worden. Zum Beispiel in Musikerfamilien wird Musiktalent vererbt und so weiter, das alles soll Stütze sein für die Vererbungslinie. Man sagt wohl auch, indem man auf das Genie hinweist, selten zeige sich das Genie am Anfange einer Generation, sondern erst am Ende. Bei den eigentümlichen Fähigkeiten des Genies geht man zurück, greift da und dort heraus, bei dem einen findet man diese und bei dem anderen jene Eigenschaft und so weiter, und zeigt dann, wie sie zuletzt beim Genie zusammengeflossen sind, das am Ende der Generation entstanden ist. Was soll es denn beweisen? Doch nichts anderes als das, dass der Wesenskern des Menschen sich ausleben kann nach Maßgabe des Instrumentes des Körpers. Es ist nicht geistreicher, als wenn jemand uns besonders darauf aufmerksam machen will, dass, wenn ein Mensch ins Wasser fällt, er nass wird. Dies ist nur natürlich, dass er das von dem Element aufnimmt, in das er versetzt wird. Das, was als Beweis angeführt werden soll, das könnte viel eher als ein Beweis dafür angeschen werden, dass es sich nicht vererbt. Denn wenn sich das Genie vererbt, so müsste es sich am Anfange der Generation zeigen, dann würde man nachweisen können, dass sich das Genie vererbt, aber nicht am Ende der Generation."},{"locus":"GA 68d/1909-01-09/p013","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1909-01-09/p013","passage_number":13,"word_count":123,"text":"So sehen wir im Menschen, der vor uns auftritt in der Welt, den Zusammenfluss zweier Strömungen. Wir sehen in ihm auf der einen Seite dasjenige, was er aus seiner Familie mit erhält, auf der anderen Seite das aus dem innersten Wesen des Menschen heraus Entwickelte, eine Anzahl von Anlagen, Eigenschaften, inneren Fähigkeiten und äußerem Schicksal. Diese zwei Strömungen fließen zusammen; aus diesen zwei Strömungen ist jeder Mensch zusammengesetzt. So finden wir, dass der Mensch auf der einen Seite seinem innersten Wesen nach diesem sich anpassen muss, auf der anderen Seite an dasjenige, was ihm aus der Vererbungslinie mitgebracht wird. Wir sehen, wie der Mensch in hohem Grade die Physiognomie seiner Vorfahren trägt, wir könnten sozusagen den Menschen zusammensetzen aus dem Ergebnis seiner Vorfahrenreihen."},{"locus":"GA 68d/1909-01-09/p014","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1909-01-09/p014","passage_number":14,"word_count":209,"text":"Da zunächst der menschliche Wesenskern nichts zu tun hat mit dem, was vererbt wird, sondern sich dem nur anpassen muss, was ihm am meisten geeignet ist, so werden wir auch einsehen, dass [es] notwendig ist, dass für das, was vielleicht seit Jahrhunderten in einer ganz anderen Welt gelebt hat und wieder versetzt wird in eine andere Welt, dass da eine gewisse Vermittlung bestehen muss; dass der Wesenskern des Menschen irgendetwas nach unten Verwandtes haben muss, dass ein Zwischenglied, ein Band sein muss zwischen dem eigenen individuellen Menschen und dem Allgemeinen, in das er hineingeboren wird durch Familie und Rasse. Dasjenige, was vermittelt auf der einen Seite alle inneren Eigenschaften, die er aus seiner früheren Verkörperung mitbringt, und das, was ihm die Vererbungslinie bringt, fällt unter den Begriff des Temperaments. Es stellt sich nun zwischen die vererbten Eigenschaften und das, was er in seinem inneren Wesenskern aufgenommen hat. Es ist, als wie wenn beim Niedersteigen dieser Wesenskern sich umgeben würde wie mit einer geistigen Nuance von dem, was ihn da unten erwartet, sodass sich in dem Maße, als der Wesenskern sich am besten der Hülle für den Menschen anpassen mag, der Wesenskern des Menschen sich nach dem färbt, zu dem er hineingeboren wird und zu einer Eigenschaft, die er mitbringt."},{"locus":"GA 68d/1909-01-09/p015","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1909-01-09/p015","passage_number":15,"word_count":153,"text":"So werden wir sagen können, wenn wir den vollständigen Menschen betrachten: Dieser vollständige Mensch besteht aus dem physischen, Äther-, Astralleib und Ich. Das, was physischer Leib zunächst ist, was der Mensch so an sich trägt, dass es durch sinnliche Augen sichtbar ist, das trägt, von außen angeschen, zunächst deutlich die Zeichen der Vererbung an sich. Auch was im Ätherleib des Menschen lebt, in jenem Kämpfer gegen Zerfall des physischen Leibes, an Eigenschaften, ist dasjenige, was in der Vererbungslinie liegt. Dann kommen wir zu seinem astralischen Leib, der in seinen Eigenschaften viel mehr an den Wesenskern des Menschen gebunden ist. Und wenn wir auf den innersten Kern des Menschen gehen, auf das eigentliche Ich, so finden wir, was von Verkörperung zu Verkörperung geht, als ein innerer Vermittler erscheint, der seine wesentlichen Eigenschaften nach außen strahlt. Dadurch, dass sie sich verbinden müssen, dadurch passen sie sich beim Eintritt des Menschen in der physischen Welt an."},{"locus":"GA 68d/1909-01-09/p016","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1909-01-09/p016","passage_number":16,"word_count":88,"text":"Durch diese Wechselwirkung von astralischem Leib und Ich, von physischem und Ätherleib, durch dieses Ineinanderscheinen der zwei Strömungen treten in der menschlichen Natur die Temperamente auf. Sie müssen daher sein etwas von der Individualität des Menschen Abhängiges, von dem, was sich eingliedert in die allgemeine Vererbungslinie. Würde der Mensch sein inneres Wesen nicht so gestalten können, so würde ja jeder Nachkomme sein müssen nur das Ergebnis seiner Vorfahren. Und was da hineingestaltet wird, was individuell macht, das ist die Kraft des Temperamentes; hier sitzt das Geheimnis der Temperamente."},{"locus":"GA 68d/1909-01-09/p017","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1909-01-09/p017","passage_number":17,"word_count":148,"text":"Nun wirken in der ganzen menschlichen Natur alle einzelnen Wesensglieder wieder ineinander; sie stehen in einer Wechselwirkung. Wenn der Wesenskern gefärbt hat den physischen und den Ätherleib, dann wird das, was durch die Färbung entstanden ist, wirken auf jedes andere Glied, sodass es davon abhängig ist, wie der Mensch mit seinen Eigenschaften uns entgegentritt, ob der Wesenskern stärker auf den physischen Leib wirkt oder ob der physische Leib stärker wirkt. Je nachdem der Mensch ist, kann er eines der vier Glieder beeinflussen, und durch die Zurückwirkung auf die anderen Glieder entsteht das Temperament. Der menschliche Wesenskern ist geeignet, wenn er zur Wiederverkörperung schreitet, durch diese Eigentümlichkeit im einen oder anderen seiner Wesensglieder einen gewissen Überschuss des Wirkens einzugliedern. So kann er seinem Ich eingliedern einen gewissen Stärkeüberschuss, oder aber der Mensch kann dadurch, dass er bestimmte Erlebnisse in seinem früheren Leben durchgemacht hat, seine anderen Glieder damit beeinflussen."},{"locus":"GA 68d/1909-01-09/p018","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1909-01-09/p018","passage_number":18,"word_count":84,"text":"Wenn das Ich des Menschen durch seine Schicksale so stark geworden ist, dass seine Kräfte vorzüglich herrschend sind in der vierfachen Menschennatur, dann entsteht das cholerische Temperament. Wenn er dem Einflusse des Astralleibes unterliegt, dann entsteht das sanguinische Temperament. Wirkt mit einem Überschuss der Ätherleib auf die anderen Glieder ein, dann entsteht die phlegmatische Natur. Wirkt der physische Leib auf die anderen Glieder des Körpers ein, dass der Wesenskern nicht imstande war, gewisse Härten im physischen Leibe zu überwinden, da herrscht das melancholische vor."},{"locus":"GA 68d/1909-01-09/p019","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1909-01-09/p019","passage_number":19,"word_count":156,"text":"So haben wir einen großen Teil des physischen Leibes als den unmittelbaren Ausdruck des physischen Lebensprinzips des Menschen. So haben wir das Drüsensystem als den physischen Ausdruck des Ätherleibes anzusehen; das Nervensystem, und zwar dasjenige, was da tätig ist, das haben wir als den physischen Ausdruck des Astralleibes anzusehen, und die Pulsationskraft des Blutes ist der Ausdruck des eigentlichen Ichs. Daher wird dasjenige, was das Ich charakterisiert hat, als die vorherrschende Eigenschaft sich wirkend machen. Es wird sich das cholerische Temperament zeigen als tätig in einem kräftig pulsierenden Blute; damit tritt das Kraftelement im Menschen zur Erscheinung, dadurch, dass er besonderen Einfluss auf sein Blut hat. Bei einem solchen Menschen, bei dem geistig das Ich, physisch vorzugsweise das Blut tätig ist, sehen wir die innerste Kraft stramm und stark die Organisation instand halten. Und wie er der Außenwelt so entgegentritt, so wird seine Kraft des Ichs sich geltend machen wollen. Das ist die Folge dieses Ichs."},{"locus":"GA 68d/1909-01-09/p020","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1909-01-09/p020","passage_number":20,"word_count":111,"text":"Wenn im Menschen der Astralleib vorwiegt, dann wird der physische Ausdruck in den Funktionen des Nervensystems liegen, und dasjenige, was der astralische Leib vollbringt, ist das Leben in Gedanken, in Bildern, sodass der Mensch, wenn er mit dem sanguinischen Temperament begabt ist, die Anlage dazu haben wird, in den Bildern seines Vorstellungslebens zu leben. Wir müssen uns das Verhältnis des Astralleibes zum Ich klarmachen. Würde nur das sanguinische Temperament vorhanden sein, so würde ein Chaos von Bildern auf- und absteigen. Was nicht die Bilder in phantastischer Weise durcheinanderschießen lässt, das sind die Kräfte des Ichs. Und im Physischen ist es das Blut, welches im Wesentlichen sozusagen die Tätigkeit des Nervensystems eingrenzt."},{"locus":"GA 68d/1909-01-09/p021","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1909-01-09/p021","passage_number":21,"word_count":144,"text":"Es würde zu weit führen, wenn ich Ihnen dies in allen Einzelheiten zeigen würde, wie das Nervensystem und Blut zueinanderstehen und wie das Blut der Zügler ist dieses Vorstellungslebens. Wenn des Menschen Blut zu dünn wird, bleichsüchtig, dann stellen sich auch die phantastischen Gebilde ein, bis zur Illusion und Halluzination, wenn das Blut nicht der Zügler des Nervensystems ist. Hat der Astralleib einen gewissen Überschuss des Wirkens, dann nimmt sich das menschliche Leben so aus, dass der Mensch sich nicht halten kann an einer Vorstellung, und die Folge davon ist, dass ein solcher Mensch an allem gleich entflammt werden kann, was ihm in der Außenwelt entgegentritt, dass aber der Zügel nicht angelegt wird, es innerlich dauernd zu machen, es verfliegt das Interesse schnell, das angefacht worden ist. Wir sehen beim Sanguiniker, wie er von Vorstellung zu Vorstellung eilt, wie er einen flatterhaften Sinn zeigt."},{"locus":"GA 68d/1909-01-09/p022","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1909-01-09/p022","passage_number":22,"word_count":92,"text":"Wenn ein Mensch vorherrschend den Ätherleib in sich hat und den Ausdruck dieses Ätherleibes, dasjenige System, was im Menschen das Wohl- und Missbehagen ausmacht, so wird der Mensch gerade dazu verleitet werden, so recht behaglich in seinem Inneren verbleiben zu wollen. Je behaglicher der Mensch sich in seinem Inneren fühlen wird, desto mehr Einklang wird er schaffen zwischen dem Innern und Äußeren. Wenn dies der Fall ist, wenn sogar im Überschuss dafür gesorgt ist, dann richtet sich des Menschen ganzes Trachten nach dem Innern, wir haben es mit dem Phlegmatiker zu tun."},{"locus":"GA 68d/1909-01-09/p023","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1909-01-09/p023","passage_number":23,"word_count":119,"text":"Und wenn der Mensch besonders sein physisches System im Überschuss wirksam hat, so ist das ein Zeichen, dass der innere Mensch nichts vermag gegen sein physisches System. So nimmt sich das physische System, das verhärtet ist, aus, wenn es im Überschuss ist. Der Mensch kann dasjenige, was er beweglich machen sollte, nicht beweglich machen; er fühlt innerliche Hindernisse. Sie treten dadurch hervor, dass der Mensch seine Kraft hinwenden muss auf diese inneren Hindernisse. Was man nicht überwinden kann, ist das, was Leid und Schmerz macht, sie verursachen es, dass der Mensch nicht hinausblicken kann unbefangen auf die Mitwelt. Dieses Hingewiesensein bildet einen Quell inneren Grams. Gewisse Gedanken und Vorstellungen beginnen dauernd zu werden, er beginnt Grübler zu werden, Melancholiker."},{"locus":"GA 68d/1909-01-09/p024","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1909-01-09/p024","passage_number":24,"word_count":267,"text":"Und wenn wir so durch eine gesunde Wesenheit das Temperament begreifen, dann wird uns mancherlei im Leben klar werden; es wird uns aber auch möglich werden, dasselbe in praktischer Weise zu handhaben, was wir sonst nicht konnten. Wenden wir den Blick hin auf vieles, was uns unmittelbar im Leben entgegentritt! Nehmen Sie einmal den Choleriker, der einen starken, festen Mittelpunkt in seinem Innern hat. Dieses Ich ist der Zügler. Jene Bilder sind Bewusstseinsbilder. Der physische Leib ist geformt nach seinem Ätherleib, der Ätherleib nach seinem Astralleib. Er würde in der mannigfaltigsten Weise den Menschen sozusagen gestalten; dadurch, dass dem Wachstum vom Ich in seinen Blutkräften entgegengetreten wird, dadurch wird das Gleichgewicht gehalten zwischen einer Fülle und Buntheit des Wachstums. Wenn aber das Ich einen Überschuss hat, so kann es das Wachstum zurückhalten. Choleriker zeigen sich in der Regel so, dass sie auftreten wie mit zurückgehaltenem Wuchs. Sie können Beispiele über Beispiele im Leben finden, zum Beispiel, aus der Geistesgeschichte der Philosoph Fichte. Nach seiner äußeren Gestalt war er das, was man einen Menschen nennen darf von zurückgehaltenem Wuchs, es waren Kräfte in ihm, die durch den Überschuss des Ichs zurückgehalten wurden. Nehmen Sie Napolecon! Da haben Sie das typische Bild des zurückgehaltenen Wuchses des Cholerikers. Da können Sie sehen, wie diese Kraft des Ichs aus dem Geiste heraus, wie diese Kraft des Ichs wirkt, sodass sich das innerste Wesen des Menschen in der äußeren Gestalt kundgibt. Sehen Sie sich die Physiognomie des Cholerikers an! Nehmen Sie dagegen den Phlegmatiker. Wie verschwommen sind seine Züge! Wie wenig können Sie sagen, jene Form der Stirne wäre dem Choleriker angepasst!"},{"locus":"GA 68d/1909-01-09/p025","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1909-01-09/p025","passage_number":25,"word_count":125,"text":"Es zeigt sich an einem Organ ganz besonders stark, wo der Astralkörper oder das Ich gestaltend wirkt, am Auge, an der festen, sicheren Haltung des Auges des Cholerikers. Beim Choleriker werden Sie ein schwarzes, ein kohlschwarzes Auge finden, weil durch ein gewisses Gesetz, dadurch, dass der Choleriker gerade dasjenige, was seine Ichkraft nach dem Innern zieht, weil er dem astralischen Leib nicht die Möglichkeit überlässt, dasjenige zu färben, was bei einem anderen Menschen gefärbt wird. Sehen Sie auch den Menschen in seinem ganzen Gebaren an. Derjenige, welcher bewandert ist, der kann es fast von hinten ansehen, ob [einer] Choleriker ist. Der feste Schritt kündigt sozusagen den Choleriker an. Der ganze Mensch ist ein Abdruck dieses innersten Wesens, das sich uns auf eine solche Weise erklärt."},{"locus":"GA 68d/1909-01-09/p026","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1909-01-09/p026","passage_number":26,"word_count":57,"text":"Nehmen Sie den Sanguiniker! Das sanguinische Temperament tritt besonders stark hervor im kindlichen Alter. Sehen Sie, wie sich da die Bildhaftigkeit äußert! Und ebenso tritt uns beim sanguinischen Kinde entgegen eine gewisse innere Möglichkeit, seine Physiognomie zu verändern, während beim Choleriker die Züge scharf geschnitten sind. Ein blaues Auge ist sehr häufig der Ausdruck eines sanguinischen Temperaments."},{"locus":"GA 68d/1909-01-09/p027","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1909-01-09/p027","passage_number":27,"word_count":54,"text":"Und gehen wir weiter! Wenn wir zum Phlegmatiker gehen, so kennen wir an seinem schlotterigen Gang, dass er wenig zu beherrschen vermag die Formen seines Inneren. Sie können es dem ganzen Menschen ansehen. Der Melancholiker zeigt sich Ihnen bald durch seinen vorgebeugten Kopf, durch das gesenkte Auge. 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Wird nicht insbesondere in der Erziehungsfrage und auch in der Selbsterziehung die Kenntnis und Beurteilung des Temperaments von einem wesentlichen Werte sein für den Erzieher?"},{"locus":"GA 68d/1909-01-09/p029","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1909-01-09/p029","passage_number":29,"word_count":166,"text":"Wir dürfen uns nicht verleiten lassen, das Temperament deshalb, weil es eine einseitige Eigenschaft ist, in seinem Werte zu unterschätzen. Wir müssen uns klar sein, dass das Temperament zur Einseitigkeit führt, dass das Radikalste des melancholischen Temperaments im Wahnsinn, des phlegmatischen im Schwachsinn besteht, beim sanguinischen im Irrsinn, beim cholerischen in allen denjenigen Ausbrüchen krankhafter menschlicher Natur, die bis zur Tobsucht und so weiter gehen. Durch das Temperament wird viel schöne Mannigfaltigkeit bewirkt, weil sich die Gegensätze anziehen; so erzeugt sehr leicht jedoch die Vergötterung der Einseitigkeit des Temperaments Schädigung zwischen der Geburt und dem Tode. Es wird wichtig für den Erzieher, sich sagen zu können: Was tust du zum Beispiel bei einem sanguinischen Kinde? Da muss man aus der Erkenntnis des ganzen Wesens des sanguinischen Temperaments zu lernen versuchen, wie man sich zu verhalten habe. Wenn in Bezug auf andere Gesichtspunkte von der Erziehung des Kindes zu sprechen ist, so ist es auch nötig, dass einzeln vom Temperamente in der Erziehung des Kindes gesprochen wird."},{"locus":"GA 68d/1909-01-09/p030","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1909-01-09/p030","passage_number":30,"word_count":321,"text":"Wir haben ein Kind von sanguinischem Temperament vor uns, das leicht in Flattersucht, Interesselosigkeit ausarten könnte für die wichtigen Dinge und sich dagegen wieder rasch für andere Dinge interessiert; dies kann zur furchtbarsten Einseitigkeit anwachsen und man kann die Gefahr bemerken, wenn man hineinsieht in die Tiefe der Menschennatur; dann wird man sich sagen: Dadurch, dass man gleich irgendwelche entgegengesetzte Eigenschaft diesem Kinde beizubringen sucht, dadurch macht man diese Eigenschaften nicht anders. Man muss bei diesen Dingen, die in der innersten Wesensnatur des Menschen begründert sind, Rücksicht nehmen, dass man sie nur biegen kann. Bei einem einseitig gewordenen Sanguinismus muss man anpochen bei seinem sanguinischen Temperament. Will man sich diesem Kinde gegenüber richtig verhalten, dann muss man auf etwas achtgeben, denn wenn das Kind noch so sanguinisch ist, es findet sich doch irgendetwas, wofür sich dieses Kind interessiert. Und das, was man findet, wofür es sich besonders interessiert, das muss ins Auge gefasst werden. Und das, was für das Kind doch etwas ist, woran es nicht mit Flatterhaftigkeit vorbeigeht, da muss man versuchen, ihm gerade das als besondere Tatsache vorzuführen, sodass sich sein Temperament über das ihm nicht Gleichgültige erstreckt; was eine Liebhaberei für ihn ist, muss man versuchen, ihm in einem besonderen Lichte hinzustellen, es muss seinen Sanguinismus anwenden lernen. Man kann so wirken, dass man vor allen Dingen an das eine, das sich immer finden lässt, anknüpft, dass man anknüpft an die Kräfte, die das Kind hat. Es wird nicht durch Strafe und Einreden sich dauernd für irgendeine Sache interessieren können. Wenn aber entfacht wird in ihm das Interesse, die Liebe für eine Person, dann geschieht durch diese Liebe zur Person geradezu ein Wunder. Diese kann ein einseitiges Temperament des Kindes kurieren. Es muss eine persönliche Anhänglichkeit entwickeln, man muss sich dem Kinde liebbar machen, das ist die Aufgabe dem sanguinischen Kinde gegenüber. An dem, der das Kind erzieht, liegt es, dass das sanguinische Kind die Persönlichkeit lieben lernt."},{"locus":"GA 68d/1909-01-09/p031","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1909-01-09/p031","passage_number":31,"word_count":196,"text":"Nehmen wir an, der Mensch müsste Grauen haben, dass in seinem Kinde das cholerische Temperament in einseitiger Weise sich äußert. Man darf aber nicht dasselbe Rezept anweisen wie beim sanguinischen Kinde, der Choleriker wird nicht leicht zur Persönlichkeit des Menschen Liebe gewinnen können. Durch etwas anderes muss man ihm in der Wirkung vom Mensch zum Menschen beikommen. Man muss geradezu schätzbar, achtbar im höchsten Sinne des Wortes sein für das cholerische Kind. Man muss trachten, dass das cholerische Kind niemals merkt, es könnte keine Auskunft erhalten, keinen Rat für das, was es tun soll. Man muss darauf achten, dass man die festen Zügel der Autorität in den Händen hält und sich niemals solche Blöße geben, dass man etwa keinen Rat weiß. Dann ist es notwendig, dass man dem cholerischen Kinde, wenn es ins Einseitige auszuarten droht, besonders dasjenige in der Erziehung heranbringt, was schwer zu überwinden ist, dass es aufmerksam gemacht wird auf die Schwierigkeiten des Lebens durch Herbeischaffung von für das Kind möglichst schwer überwindlichen Dingen. Man muss Hindernisse schaffen, sodass das cholerische Temperament nicht zurückgetrieben wird, sondern es soll sich ausleben dadurch, dass man dem Kinde gewisse Schwierigkeiten gegenüberstellt, die es zu überwinden hat."},{"locus":"GA 68d/1909-01-09/p032","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1909-01-09/p032","passage_number":32,"word_count":132,"text":"Bei einem phlegmatischen Kinde werden wir es recht schwer haben, wenn uns die Erziehung die Aufgabe übergab, uns dem Kinde in der entsprechenden Weise zu verhalten. Es ist schwer, auf den Phlegmatiker einen Einfluss zu gewinnen, aber es gibt eines, wodurch ein Umweg geschaffen ist. Nichts gibt es bei einem phlegmatischen Kinde, auf was eingesprochen werden kann; man muss dieses Kind zum Umgang mit gleichaltrigen Kindern bringen. Wie der Sanguiniker Anhänglichkeit haben muss zu einer Persönlichkeit, so muss der Phlegmatiker Freundschaft, Zusammenhang mit möglichst viel Gleichaltrigen haben. Das ist der einzige Weg, wodurch die in ihm schlafende Kraft entfacht werden kann. Durch einen Gegenstand aus der Aufgabe der Schule und des Hauses werden Sie den kleinen Phlegmatiker nicht interessieren können, aber auf dem Umwege der anderen gleichaltrigen Seelen können Sie es bewirken."},{"locus":"GA 68d/1909-01-09/p033","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1909-01-09/p033","passage_number":33,"word_count":210,"text":"Ganz schwierig ist es auch, das melancholische Kind zu behandeln. Was haben wir zu tun? Und wenn wir Grauen empfinden vor der drohenden Einseitigkeit des melancholischen Temperaments des Kindes, da wir das, was das Kind nicht hat, nicht einpfropfen können? Wir müssen damit rechnen, dass es in sich die Kraft hat, gerade an Hemmungen zu hängen, an Widerstand zu haften. Wollen wir diese Eigentümlichkeit seines Temperamentes in die richtige Bahn lenken, so müssen wir diese Kraft ablenken von dem Inneren auf das Äußere. Es wird für den Erzieher beim melancholischen Kinde von besonderer Notwendigkeit sein, dass Wert gelegt wird darauf, wie man mit dem Kinde umgeht, darauf, ihm zu zeigen, dass es Leid in der Welt gibt. Es ist schmerzfähig, das melancholische Kind; wollen Sie es belustigen, dann treiben Sie es in die eigene Enge zurück. Lenken Sie das Kind ab, indem Sie ihm zeigen, dass es Leid gibt! Am glücklichsten ist der Melancholiker, der an Seite eines Menschen aufwachsen kann, der selbst durch schwere Erlebnisse viel zu sagen hat, da wirkt Seele zur Seele in der glücklichsten Weise. Überhaupt ist es gut, wenn man versucht, den jungen Melancholiker nicht dadurch heilen zu wollen, dass man belustigende Gesellschaft in seine Umgebung bringt, sondern dass man ihn berechtigten Schmerz erleben lässt."},{"locus":"GA 68d/1909-01-09/p034","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1909-01-09/p034","passage_number":34,"word_count":64,"text":"So dürfen wir sagen: Der Sanguiniker ist am besten daran, wenn er heranwächst an fester Hand, wenn ihm ein Mensch von außen Seiten des Charakters zeigen kann, wodurch er persönliche Liebe entwickeln kann, Liebe zu einer Person ist das Beste für den Sanguiniker. Nicht bloß Liebe, sondern Achtung und Schätzung für dasjenige, was eine Person leisten kann, das ist das Beste für den Choleriker."},{"locus":"GA 68d/1909-01-09/p035","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1909-01-09/p035","passage_number":35,"word_count":87,"text":"Ein Melancholiker darf sich glücklich schätzen, wenn er heranwachsen kann an der Hand eines Menschen, der ein herbes Schicksal hat. In dem entsprechenden Abstand, der hervorgebracht wird von dem neuen Schauen, von dem entstehenden Mitleid mit der Autorität, in dem Mitfühlen des berechtigten schmerzlichen Schicksals, da liegt dasjenige, was der Melancholiker braucht. Sie wachsen gut auf, wenn sie sich weniger in Anhängung einer Person, weniger in einer Achtung und Schätzung zu einer Leistung einer Person, sondern in dem Mitfühlen für das Leid und berechtigte Schmerzensschicksal ergehen können."},{"locus":"GA 68d/1909-01-09/p036","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1909-01-09/p036","passage_number":36,"word_count":31,"text":"Der Phlegmatiker ist ein Mensch, dem am besten beizukommen ist, wenn wir ihm die Neigung beibringen für die Interessen anderer Personen, wenn er sich entfachen kann für die Interessen anderer Personen."},{"locus":"GA 68d/1909-01-09/p037","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1909-01-09/p037","passage_number":37,"word_count":8,"text":"Der Sanguiniker soll entwickeln können Liebe und Anhänglichkeit."},{"locus":"GA 68d/1909-01-09/p038","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1909-01-09/p038","passage_number":38,"word_count":13,"text":"Der Choleriker soll entwickeln können Schätzung und Achtung für die Leistungen der Person."},{"locus":"GA 68d/1909-01-09/p039","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1909-01-09/p039","passage_number":39,"word_count":12,"text":"Der Melancholiker soll entwickeln können ein mitfühlendes Herz für das andere Schicksal."},{"locus":"GA 68d/1909-01-09/p040","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1909-01-09/p040","passage_number":40,"word_count":13,"text":"Und dem Phlegmatiker soll vor Augen geführt werden als Vorbild die Interessen anderer."},{"locus":"GA 68d/1909-01-09/p041","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1909-01-09/p041","passage_number":41,"word_count":194,"text":"Und wenn es sich darum handelt, dass wir unsere Selbsterziehung in die Hand nehmen sollen, dann können sie auch ganz besonders nützlich sein. Wir merken mit unserem Verstand, unser Sanguinismus spiele uns allerhand Streiche, wir drohen zu einer unsteten Lebensweise auszuarten, wir eilen von Gegenstand zu Gegenstand. Diesem kann entgegengetreten werden, wenn man nur die rechten Wege einschlägt. Wenn sich der Mensch noch so oft ins Gewissen redet: Halte nun einmal eine Sache fest — dann wird ihm sein sanguinisches Temperament immer und immer wieder böse Streiche spielen. Er kann nur rechnen mit einer Kraft, die er hat. Hinter dem Verstand müssen andere Kräfte stehen. Kann ein Sanguiniker mit irgendetwas anderem rechnen als mit seinem sanguinischen Temperament? Und auch bei der Selbsterziehung ist es notwendig, dass man das, was der Verstand mittelbar tun könnte, auch zu tun versucht. Man muss versuchen, an gewissen Dingen, an denen man Interesse hat, kein Interesse zu haben. Er versuche, sich künstlich in solche Lage zu versetzen, sich möglichst vieles, was ihn nicht interessiert, in seinen Weg zu führen. Dann wird man merken, wenn man es nur lange genug tut, dass dieses Temperament die Kraft entwickelt, sich zu ändern."},{"locus":"GA 68d/1909-01-09/p042","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1909-01-09/p042","passage_number":42,"word_count":50,"text":"Merkt man, dass eine Melancholie in die Einseitigkeit treiben kann, [so] muss man versuchen, geradezu sich berechtigte äußere Hindernisse zu schaffen und diese berechtigten äußeren Hindernisse in ihrer ganzen Gestalt durchschauen wollen, sodass man dasjenige, was man an Schmerz und Schmerzfähigkeit hat, an äußere Gegenstände ablenkt. Das kann der Verstand."},{"locus":"GA 68d/1909-01-09/p043","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1909-01-09/p043","passage_number":43,"word_count":91,"text":"Ebenso kann der Choleriker sich selber kurieren auf eine besondere Weise, wenn wir geisteswissenschaftlich die Sache betrachten. Wenn er merkt, dass sich sein tobendes Innere ausleben will, muss er versuchen, sich möglichst Dinge zu suchen, welche wenig Kraft brauchen, um überwunden zu werden; er muss versuchen, leicht überwindbare äußere Tatsachen herbeizuführen und muss seine Kraft immer versuchen, in der stärksten Weise auszuleben an unbedeutenden Ereignissen und Tatsachen. Wenn er so sich Unbedeutendes aufsucht, das ihm keinen Widerstand bietet, dann wird er wiederum sein einseitiges cholerisches Temperament in die richtige Richtung bringen."},{"locus":"GA 68d/1909-01-09/p044","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1909-01-09/p044","passage_number":44,"word_count":65,"text":"Der Phlegmatiker tut gut, wenn er sich in seinem Verstande ausdenkt, dass er für ein Ding Interesse haben muss, dass er Gegenstände aufsuchen muss, die ein Recht dazu haben, dass der Mensch sich nicht darum bekümmert. Er soll sich Beschäftigung suchen, bei der das Phlegma berechtigt ist, darin er sein Phlegma ausleben kann. Dadurch überwindet er sein Phlegma, selbst wenn es zur Einseitigkeit auszuarten droht."},{"locus":"GA 68d/1909-01-09/p045","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1909-01-09/p045","passage_number":45,"word_count":40,"text":"Diejenigen, die Realisten sind, glauben zum Beispiel, dass das Beste für einen Melancholiker sei, dass man das herbeischafft, was man in der entgegengesetzten Weise heranschaffen muss. Wer aber wirklich real denkt, der appelliert an das, was in ihm schon ist."},{"locus":"GA 68d/1909-01-09/p046","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1909-01-09/p046","passage_number":46,"word_count":135,"text":"So sehen Sie, dass es gerade die Geisteswissenschaft ist, die uns nicht abzieht von dem realen und wirklichen Leben, sondern uns auf Schritt und Tritt zu den Wahrheiten voranleuchten wird und die uns auch im Leben Anleitung geben kann, überall auf das Wirkliche Rücksicht zu nehmen. Denn die sind die phantastischen Menschen, welche glauben, am äußeren Sinnenschein haften zu bleiben. Wir müssen tiefere Gründe suchen, wenn wir in diese Wirklichkeit hineingehen wollen, und wir werden uns ein Verständnis für die Mannigfaltigkeit des Lebens aneignen, wenn wir uns in solche Betrachtungen einlassen. Unser praktischer Sinn wird immer individueller werden, wenn wir nicht genötigt sind, ein allgemeines Rezept anzuwenden — du sollst Flattersinn nicht durch Ernst austreiben —, sondern zu sehen: Was sind da für Eigenschaften im Menschen, die anzufachen sind? Und wir müssen zur Individualität gehen."},{"locus":"GA 68d/1909-01-09/p047","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1909-01-09/p047","passage_number":47,"word_count":217,"text":"Und da können wir auch aus unserem innersten Wesenskern die Geisteswissenschaft wirken lassen, die Geisteswissenschaft zu dem größten Impulse des Lebens machen. Solange sie nur Theorie bleibt, ist sie nichts wert. Sie soll im Leben des Menschen angewendet werden. Der Weg dazu ist möglich, aber er ist ein weiter. Er wird einem erleuchtet, wenn er zu der Realität hinführt. Dann wandeln sich unsere Anschauungen um und wir merken es, Erkenntnisse wandeln sich um. Es ist Vorurteil, wenn der Mensch glaubt, Erkenntnisse müssen abstrakt bleiben; wenn sie aber ins Geistige treten, dann durchdringen sie unsere ganze Lebensarbeit, dann wird das ganze Leben von ihnen durchdrungen, dann stellen wir uns dem Leben so gegenüber, dass wir Erkenntnisse haben für die Individualität, die bis in Gefühl und Empfindung hineingeht und die sich darin ausdrückt, die große Achtung und Schätzung hat. Schablonen sind leicht zu erkennen. Und das Leben nach Schablonen beherrschen zu wollen, ist leicht, aber es lässt sich nicht als Schablone behandeln. Dann reicht nur eine Kenntnis aus, dann wandelt sie sich um in ein Gefühl, das man haben muss gegenüber der Individualität des Menschen, gegenüber der Individualität im ganzen Leben. Dann wird sozusagen unsere gewissenhafte geistige Erkenntnis so in unser Gefühl einfließen, dass wir das Rätsel, das uns in jedem einzelnen Menschen entgegentritt, in richtigem Maße beurteilen können."},{"locus":"GA 68d/1909-01-09/p048","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1909-01-09/p048","passage_number":48,"word_count":181,"text":"Das aber ist der richtige Grund, der die wahre, die fruchtbare, die echte Menschenliebe abgeben kann. Das ist der Grund, aus dem wir gewahr werden, was wir als den innersten Wesenskern in jedem einzelnen Menschen zu suchen haben. Und wenn wir uns so durchdringen mit der Geisteserkenntnis, wird sich unser soziales Leben von Mensch zu Mensch so regeln, dass ein jeder Einzelne, indem er jedem anderen gegenübertritt in der Schätzung und Achtung und Durchdringung des Rätsels «Mensch», sein Verhalten zum Menschen finden und zu regeln verstehen lernt. Nur derjenige, der von vorneherein in Abstraktionen lebt, kann von nüchternen Begriffen sprechen, wer aber nach echter Erkenntnis strebt, wird sie finden und wird den Weg finden zum andern Menschen, er wird die Lösung des Rätsels des anderen Menschen in dem eigenen Verhalten, in dem eigenen Benehmen finden. So lösen wir das individuelle Rätsel, wie wir uns selbst verhalten zu dem anderen. Wir finden den Wesenskern des anderen nur mit einer Lebensanschauung, die aus dem Geiste kommt. Geisteswissenschaft soll eine Lebenspraxis sein, ein geistiger Lebensfaktor, ganz Praxis, ganz Leben, und nicht eine graue Theorie."},{"locus":"GA 68d/1909-01-09/p049","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1909-01-09/p049","passage_number":49,"word_count":2,"text":"*Fragenbeantworung [Auszüge]*"},{"locus":"GA 68d/1909-01-09/p050","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1909-01-09/p050","passage_number":50,"word_count":19,"text":"> Frage: Es gibt auch Menschen, bei denen kein Temperament zum Durchbruch kommt. Was herrscht da im Menschen vor?"},{"locus":"GA 68d/1909-01-09/p051","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1909-01-09/p051","passage_number":51,"word_count":160,"text":"Antwort: Das ist richtig. Es gibt Menschen, bei denen sozusagen eine besondere Temperamentschattierung nicht übermäßig stark hervortritt. Der feine Beobachter jedoch wird herausfinden können, dass dann doch in gewisser Beziehung ein Temperament vorhanden ist. Wir müssen uns klar werden, dass, wenn ein solches Thema entwickelt wird, nicht alles annähernd gesagt werden kann. So würde ich Ihnen auch, wenn man gewisse Erscheinungen, die im Leben vorkommen, erklären wollte, wiederum die einzelnen komplizierten Temperamente erklären müssen, würde zeigen müssen, wie allerdings bei jedem Menschen gewisse Eigenschaften eines seiner Glieder hervorstechend sind, also ein hervorstechendes Temperament haben. Aber es kann durchaus auch eine andere Seite der menschlichen Wesenheit auf andere Seiten des Menschen hinwirken. So könnte jeder, der die Temperamentanlage Napoleons studieren wird, finden, dass er sich in Bezug auf gewisse Dinge sehr phlegmatisch verhalten haben muss, sodass wir sagen müssen: Nuancen der vier Temperamente werden sich bei jedem Menschen finden, und das Hervorstechen ist eben das, was von einem besonderen Überschuss herrührt."},{"locus":"GA 68d/1909-01-09/p052","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1909-01-09/p052","passage_number":52,"word_count":116,"text":"Wenn vom Astralleib gesagt worden ist, dass er im Überschuss funktioniert — das ist nicht dasselbe, als wenn ich sagen würde, er wirkt so, dass er geradezu eine unbedingte Herrschaft über die anderen ausübt —, so heißt das, er wirkt bei diesem Menschen mehr, als sein normales Wirkungsmaß ist. Es kann sein, dass der Astralleib im Überschuss wirkt, dass er sich nicht in die richtige Harmonie hineinfindet, ebenso beim physischen Leib. Dann können sich die Überschüsse neutralisieren, es kann etwas auftreten wie die absolute Temperamentlosigkeit. Sie beruht darauf, dass sich Dinge ausgleichen, die von der einen oder anderen Seite vorhanden sind. Ein hervorstechendes Temperament wird man bei einer guten seelischen Beobachtungsgabe immer beim Menschen beobachten können."},{"locus":"GA 68d/1909-01-09/p053","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1909-01-09/p053","passage_number":53,"word_count":10,"text":"> Frage: Auf welches Temperament weist ein graues Auge hin?"},{"locus":"GA 68d/1909-01-09/p054","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/68d/1909-01-09/p054","passage_number":54,"word_count":107,"text":"Antwort: Ich muss ein klein wenig an Ihre Gutmütigkeit appellieren. Das kann hier nicht erörtert werden so genau, dazu brauchte man viele Stunden. Ich kann nur antworten, ohne Ihnen die Herleitung sagen zu können. Daher möchte ich sagen: Wenn Sie fragen über das Entsprechen eines grauen Auges zum Temperament, so müssen Sie darauf Rücksicht nehmen, dass das graue Auge in der Regel eine gewisse Nuance nach der einen oder anderen Farbe hat. Es gibt ein grau-grünliches, ein graubräunliches, ein grau-bläuliches Auge. In der Regel werden die grau-bläulichen Augen auf ein melancholisches Temperament, die grau-grünlichen Augen auf ein phlegmatisches Temperament hindeuten können. Dies ist aber nicht zu schablonisieren."}]}