28. Die Temperamente im Lichte der Geisteswissenschaft
Nehmen wir an, der Mensch müsste Grauen haben, dass in seinem Kinde das cholerische Temperament in einseitiger Weise sich äußert. Man darf aber nicht dasselbe Rezept anweisen wie beim sanguinischen Kinde, der Choleriker wird nicht leicht zur Persönlichkeit des Menschen Liebe gewinnen können. Durch etwas anderes muss man ihm in der Wirkung vom Mensch zum Menschen beikommen. Man muss geradezu schätzbar, achtbar im höchsten Sinne des Wortes sein für das cholerische Kind. Man muss trachten, dass das cholerische Kind niemals merkt, es könnte keine Auskunft erhalten, keinen Rat für das, was es tun soll. Man muss darauf achten, dass man die festen Zügel der Autorität in den Händen hält und sich niemals solche Blöße geben, dass man etwa keinen Rat weiß. Dann ist es notwendig, dass man dem cholerischen Kinde, wenn es ins Einseitige auszuarten droht, besonders dasjenige in der Erziehung heranbringt, was schwer zu überwinden ist, dass es aufmerksam gemacht wird auf die Schwierigkeiten des Lebens durch Herbeischaffung von für das Kind möglichst schwer überwindlichen Dingen. Man muss Hindernisse schaffen, sodass das cholerische Temperament nicht zurückgetrieben wird, sondern es soll sich ausleben dadurch, dass man dem Kinde gewisse Schwierigkeiten gegenüberstellt, die es zu überwinden hat.
Cite:
GA 68d/1909-01-09/p031 · edition original