28. Die Temperamente im Lichte der Geisteswissenschaft
Und wenn es sich darum handelt, dass wir unsere Selbsterziehung in die Hand nehmen sollen, dann können sie auch ganz besonders nützlich sein. Wir merken mit unserem Verstand, unser Sanguinismus spiele uns allerhand Streiche, wir drohen zu einer unsteten Lebensweise auszuarten, wir eilen von Gegenstand zu Gegenstand. Diesem kann entgegengetreten werden, wenn man nur die rechten Wege einschlägt. Wenn sich der Mensch noch so oft ins Gewissen redet: Halte nun einmal eine Sache fest — dann wird ihm sein sanguinisches Temperament immer und immer wieder böse Streiche spielen. Er kann nur rechnen mit einer Kraft, die er hat. Hinter dem Verstand müssen andere Kräfte stehen. Kann ein Sanguiniker mit irgendetwas anderem rechnen als mit seinem sanguinischen Temperament? Und auch bei der Selbsterziehung ist es notwendig, dass man das, was der Verstand mittelbar tun könnte, auch zu tun versucht. Man muss versuchen, an gewissen Dingen, an denen man Interesse hat, kein Interesse zu haben. Er versuche, sich künstlich in solche Lage zu versetzen, sich möglichst vieles, was ihn nicht interessiert, in seinen Weg zu führen. Dann wird man merken, wenn man es nur lange genug tut, dass dieses Temperament die Kraft entwickelt, sich zu ändern.
Cite:
GA 68d/1909-01-09/p041 · edition original